Heiteres Sprachsegeln | Zsuzsanna Gahse: Spielbeginn | Besprechung
von IKGS München
Ungeheuer produktiv ist die 1946 in Budapest geborene, seit vielen Jahren im Thurgau unweit des Bodensees lebende Zsuzsanna Gahse seit je gewesen, und sie ist es bis heute geblieben. Immer wieder neu verhandelt die der ästhetischen Moderne des frühen 20. Jahrhunderts ganz besonders verpflichtete Literatin ihr Lebensthema. Auch „Spielbeginn“, ihr jüngstes Buch, erzählt von ihrer sicherlich auch biografisch grundierten grenzenlosen Liebe zur Sprache.
6. März 2026Zsuzsanna Gahse: Spielbeginn. Verrutschungen. Wien: edition korrespondenzen 2025. 130 S.
Genauer gesagt: zu den Sprachen. Von der fast unerschöpflichen Vielfalt der Klänge und Töne aller Sprachen und von ihrer fast unbegrenzten Anpassungsfähigkeit an neue Zeiten und Umstände. Und von dem, was allen Sprachen gemeinsam sein könnte: dem Seufzen, das ja angeblich gesund sein soll, dem Schnaufen, Schlucken oder Keuchen. Später auch davon, wie Sprechen und Riechen miteinander zusammenhängen, vom Wittern also und vom Schnuppern. Und von den oft unerwarteten und merkwürdigen „Verrutschungen“ innerhalb eines Dialekts oder zwischen verschiedenen Idiomen, die auch „Missverständnisse“ auslösen können. (S. 96) Sprachen als Obsession, oder, wie es eine „Minna“ genannte Figur ausdrückt: „Am liebsten würde ich die Sprachen aufessen, ich liebe sie, ich habe ein Verhältnis mit ihnen, sodass ich sie verschlingen muss. Tausendfältig sind sie, trotzdem will ich alle fassen, schnappen und gleich verschlingen“. (S. 27)
Die anspruchsvollen und heiteren Sprachspiele beginnen damit, dass mehrere Schauspielerinnen und Mimen, darunter auch ein „Ich“, auf einer improvisierten Bühne das langsame, verhaltene oder hastige Atmen üben und vorführen. Sie gehen über zu charakteristischen Vokalkombinationen, etwa zu Lauten wie „aeu“, „iao“, „aua“ oder „uio“, und etwas später kommen auch Konsonanten hinzu, ganz besonders das „r“, das je nach Sprache und Region recht unterschiedlich ausgesprochen wird. Wobei das „riesige R in der Mitte“ des Adjektivs „fremd“ auch als „Kern der Fremden“ gesehen werden könnte. (S. 22) Man stellt fest, dass das „r“ in jedem Land anders geformt und anders gesprochen wird, dass die Unterschiede höchst interessant sind und dass es ziemlich unterhaltsam ist, sie nachzustellen und zu performen – den Leserinnen und Lesern wird, nicht nur beim „r“, ein meistens recht lustvolles „Sprachsegeln“ (S. 58) geboten. „Du meine Güte! In jeder Sprache tauchen allerhand Rs auf, nach je eigener Art.“ (S. 24) Allerdings stellen die Akteure bald fest, dass die oft erheblich voneinander abweichenden Aussprachen eines Konsonanten oder Vokals durchaus gewisse Feindseligkeiten wecken können, was auch auf den Gebrauch vieler „wie ein Floh“ aus dem Nichts herbeigesprungener Neologismen zutrifft. „Derzeit wimmelt es von Flöhen. Ich bin völlig zerstochen, ein Neuwort nach dem anderen springt herbei und sticht mich.“ (S. 34) Das kann passieren, und dennoch gilt ganz grundsätzlich, dass militärische Ordnung und überwachende Polizisten im Reich der Sprachen nichts verloren haben. „Uniformierte sind hier nicht erbeten!“ (S. 40) Der ungeheuer vielfältige Reichtum von Sprachen lässt sich niemals in ein enges Korsett zwängen. „Ent, hin, be, ge, zer, ver! Verkommen, bekommen, entkommen, endlich irgendwo hinkommen. Gibt es dieses Ent, Ver, Ge, Zer auf Polynesisch und Chinesisch?“ (S. 65) Auch die Silben müssen immer mitspielen. „Sogenannte Vorsilben, vor wem sind sie Silben? Aber es gibt sie, ver, ver, ge, be, zer, zer, ent, ent, so heißen die lieben Krüppel.“ (S. 68) Dann noch die überall gegenwärtigen Lieder und Songs, die Musik, die Töne, die ihre Vorrechte haben, wie „Minna“ meint: „Es gab sie schon vor dem Urknall, sie waren sogar die Verursacher“. (S. 78) Kurzum, ein äußerst abgründiges wie immer wieder überraschendes Kuddelmuddel, diese Sprachen, die auf der Welt ständig ein reichlich chaotisches und dennoch wunderbar staunenswertes „Rambozambo“ verursachen, um auch einmal den Bundeskanzler zu zitieren.
Der kürzere zweite Teil des Buchs, „Antons Notizbuch“, diskutiert zunächst das beliebte Bild von den „Sprachen als Pilzstrukturen“ und das damit verwandte Bild vom „Wurzelwerk einzelner Wörter“. (S. 87) Mit immer wieder originellen und nachdenkenswerten Beobachtungen, zum Beispiel: „Jedenfalls spaziert die Sprache durch die Köpfe, und dabei lacht sie zwischendurch. Am besten gefällt mir die Vorstellung, dass die Sprache lacht“. (S. 88) Man könnte der These nachspüren, dass alle Personalpronomen „wackeln“, was der Autorin Anlass für Zeitkritik bietet: „Derzeit steht das Ich weit vorne, weil die Suche nach der Identität als wegweisend erklärt wird“. (S. 107) Dass übrigens genaue Sprachbeobachtung ab und zu in mehr oder weniger ätzende Zeitkritik mündet, scheint sich kaum vermeiden zu lassen: „Ob das Wort professionell bald einen Seitenschlag abbekommen wird, wie ihn Toleranz bereits erlitten hat, sodass sie nicht etwa Duldung bedeutet, sondern ist mir wurscht? Entsprechend könnte sich professionell von sachgemäß und gekonnt zu Geschäfte haben Vorrang entwickeln“. (S. 112) Sind wir nicht schon so weit? Man müsste den Menschen aller Sprachregionen genau zuhören, um die reizvollen, oft sogar aufreizenden Unterschiede zwischen ihren Redeweisen wahrzunehmen. Weit reisen müsste man dafür nicht: „Um Sprachen im Kopf zu haben, kann auch die nächste Umgebung anregend sein“. (S. 92) Doch auch in der nächsten Umgebung lauern Fallstricke und Peinlichkeiten: „Vor Jahren habe ich in einem Konstanzer Restaurant ein Schnitzel bestellt. Schnitzel panjiert, fragte die Kellnerin. Ich freute mich über das J im panjiert und fragte, ob sie Russin sei. Ukrainerin, hieß die knappe Antwort. Entschuldigung, sagte ich, und sie schluckte“. (S. 110)
Leicht zugänglich ist Spielbeginn nicht, wie die meisten der über dreißig Bücher dieser außergewöhnlichen Autorin. „Ich wollte lieber schwer verständlich als ungenau sein“, hat Georges Bataille einmal formuliert – ein Satz, den Zsuzsanna Gahse vielleicht unterschreiben würde. Man muss sich schon einlassen auf dieses spannende und spielerische Sprachexperiment. Dann allerdings wird man reich belohnt. Wie von ihren anderen Texten auch. Heiter sind sie alle, und sie versetzen die Leserschaft meistens in ausgesprochen gute Laune. Um Sprachen geht es immer, auch um den Sprachwechsel, den Zsuzsanna Gahse als Zehnjährige am eigenen Leibe erfahren hat. In einem Interview hat sie dazu einmal gesagt: „Ein unvergessliches Erlebnis war es, ins Deutsche vorzupreschen. Wie in eine Wolke ging ich in die Sprache hinein, und diese Wolke riss immer mehr auf, und dann konnte ich in der neuen Sprache frei herumspazieren. Unvergesslich ist das Gefühl dieser Unabhängigkeit, nach etwa einem halben Jahr. Aber das Aufreißen der Wolken hört nie auf. Ganz gleich, wie gut man eine Sprache kennt. Auch über meine zehn chinesischen und die fünfzig russischen Wörter bin ich glücklich. Sprachen sind Ausdrucksmöglichkeiten. Jede einzelne Sprache ist eine Möglichkeit.“
Genau das macht Spielbeginn eindringlich klar. Es könnte womöglich ihr letztes Buch sein, hat Zsuzsanna Gahse Ende 2025 öffentlich geäußert. Man beachte den Konjunktiv! Im Juni 2026 begeht sie ihren 80. Geburtstag. Und arbeitet bestimmt schon längst an ihrem nächsten Buch. Zum Glück für uns alle.
Klaus Hübner
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