Was für mich und meine Familie zur Selbstverständlichkeit geworden ist, scheint für viele Mitglieder der unzähligen Gruppen in den sozialen Medien, die sich mit Kochen und Backen beschäftigen, ein fremdes Konzept zu sein. Und glauben Sie mir: Von solchen Menschen gibt es offensichtlich sehr viele. 

Aufgrund meiner vielfältigen kulinarischen Interessen bin ich Mitglied in zahlreichen Gruppen in sozialen Netzwerken geworden, die sich kroatischen Rezepten, der istrischen Küche, traditionellem ungarischen Essen, slowakischen Köstlichkeiten oder donauschwäbischen kulinarischen Traditionen widmen – um nur einige Themen zu nennen. Bisher war es eine sehr aufregende Reise! Denn ich habe festgestellt, dass nichts – vielleicht abgesehen von Politik – die Menschen so sehr aufzuregen scheint wie das Thema Essen. Vor allem, wenn es um so genannte Nationalgerichte geht. 

Lassen Sie mich zwei Beispiele anführen. 

1. Was ist ein Nationalgericht? 

Einer der hitzigsten – und auch unterhaltsamsten – Wortwechsel, den ich in letzter Zeit gelesen habe, begann, als eine junge Frau, die in den USA lebt und Mitglied einer kroatischen Rezeptgruppe ist, fragte, welches typisch kroatisches Gericht sie für ihren amerikanischen Freund zubereiten sollte. Einer der ersten Vorschläge war Sarma (Kohlrouladen aus Sauerkohl, die in verschiedenen Ländern wie Kroatien, Ungarn, Rumänien und Serbien beliebt sind). Der erste Angriff wartete nicht lange auf sich: Sarma sei überhaupt nicht kroatisch! Es repräsentiere in keiner Weise die kroatische Küche! Es sei in Wirklichkeit – und das ist besonders schlimm, es kommt in diesen Kreisen einem Hochverrat gleich – ein serbisches Gericht! Der nächste Vorschlag, Čevapčići, wurde ebenfalls in kürzester Zeit mit dem Argument abgetan, es sei ein osmanisch-türkischer Import nach Kroatien. Woraufhin einer der Diskutanten anmerkte: „Es gibt kein Gericht in Europa, das nicht von den Osmanen beeinflusst wurde.“ Von da an eskalierte die Online-Debatte mit unerwarteter Geschwindigkeit, und es tauchten schnell Kommentare auf, in denen Bosnien und Herzegowina als Teil Kroatiens bezeichnet wurden. Aber jetzt weiche ich vom eigentlichen Thema ab. 

Der Sturm wurde durch einen dritten Vorschlag etwas beruhigt: Sie solle „die traditionelle kroatische Nachspeise“ Mađarica backen. Es gibt nur einen Makel: Mađarica bedeutet auf Kroatisch „ungarische Frau“, was diesen mehrschichtigen Schokoladenkuchen sofort verdächtig macht. Mehrere Mitglieder wiesen schnell auf dieses Problem hin, versicherten sich aber gegenseitig, dass es sich lediglich um einen Namen handle, der in keiner Weise auf die tatsächliche Herkunft des Desserts hinweise. Dies schien zu genügen, um die meisten Zweifler zu überzeugen, und die Gruppenmitglieder begannen, in großer Zahl nach einem Rezept zu fragen. 

Die Kommentare, die darauf folgten, bestätigten die Banalität der Diskussion über die Definition dessen, was wirklich ein kroatisches Gericht sei und was nicht. Während einige Pastičada, Štrukli und Fritule vorschlugen (Gerichte, die typisch für die Küstenregionen sind), stimmten andere für Gulasch (eindeutig ein weiterer ungarischer Eindringling) oder gefüllte Paprikaschoten – Gerichte, die vor allem auf dem Festland von Kroatien gegessen werden. Die großen regionalen Unterschiede in diesem relativ kleinen Land wurden schnell deutlich. Denn seien wir doch mal ehrlich: Ist es auch nur im Entferntesten möglich, nur ein einziges Gericht als Nationalgericht zu bezeichnen, das von allen Bewohnern Kroatiens genossen wird in einem Land, das sich von der Adriaküste mit starken venezianischen Einflüssen bis zur Pannonischen Tiefebene erstreckt, die stark von der österreichisch-ungarischen Küche beeinflusst ist? Und vergessen wir nicht die anderen Einflüsse, die die kulinarischen Traditionen Kroatiens geprägt haben: slowenisch, osmanisch und – oh Schreck! – auch serbisch. 

Wie Sie vielleicht vermuten, lautet meine Antwort auf diese Frage: „Nein“. Aus meiner Sicht ist es nicht möglich, nur ein Gericht auszuwählen, das repräsentativ für die Verschmelzung von Traditionen ist, die das heutige Kroatien kennzeichnet. Deshalb fand ich die Bemerkung des scheinbar einzigen entspannten Mitglieds der Gruppe so brillant. Sie schrieb: „Kochen Sie, was Sie wollen, aber würzen Sie es mit Vegeta.“ Das brachte meine eigenen Gedanken zu diesem Thema perfekt auf den Punkt. 

2. Kriege um Namen von Lebensmitteln und Gerichten 

Die regionale und subregionale Vielfalt wird noch deutlicher, wenn es um die Bezeichnungen der Gerichte geht. Nicht nur die Rezepte, sondern auch die Namen unterscheiden sich von Ort zu Ort – eine Tatsache, die eingefleischte Feinschmecker, die „Wächter der Wurst“, oft übersehen oder ignorieren. Stattdessen versuchen sie, alle davon zu überzeugen, dass der Name, den sie kennen oder mit dem sie aufgewachsen sind, der einzig richtige ist, und der Einzige, der verwendet werden sollte. Dieser Zwang zur Vereinheitlichung von Namen und Rezepten ist möglicherweise ein Ergebnis der vereinheitlichenden Kulturpolitik, die wir in den letzten Jahren in zahlreichen südosteuropäischen Ländern beobachten konnten, die sich durch verschwindende Toleranz gegenüber jeglicher Art von Vielfalt auszeichnet. 

Wie bereits erwähnt, habe ich es nur selten erlebt, dass Menschen so vehement versuchen, ihren Standpunkt zu beweisen, wie sie es tun, wenn es um Lebensmittel geht, und das gilt insbesondere für die Verteidigung von Lebensmittelnamen. Aber warum halten sie – warum halten wir – diese Namen für so wichtig? 

Gefüllte Paprikaschoten, eines der von mehreren Ländern beanspruchten Gerichte © Angela Ilić 

Die Bezeichnung von Gerichten haben nicht nur mit der Identifikation mit einer bestimmten nationalen/regionalen/lokalen/familiären Tradition zu tun, sondern auch mit Besitz. Daher kann es sehr beunruhigend sein, wenn man feststellt, dass die eigene kulinarische Kultur nicht der alleinige „Besitzer“ bestimmter Gerichte ist. So können Diskussionen wie „Ist das Potica?“ „Nein, das ist Bejgli!“ „Nein, Orahnjača!“ „Nein, Nussrolle!“ schnell aus dem Ruder laufen, weil sich die Menschen in ihrer eigenen kulturellen Identität angegriffen fühlen. Und dann können Vorwürfe der Verfälschung oder des Diebstahls von Gerichten und sogar der Geschichtsfälschung die Runde machen. 

Ich muss gestehen, dass auch ich manchmal Schwierigkeiten mit diesem Thema habe. Das, was ich als „echtes Gulasch“ bezeichne – Gulyásleves, eine Art Suppe mit endlosen Variationen – wird traditionell in meiner Heimat Ungarn zubereitet. Was die Südslawen Gulaš nennen, ist etwas ganz anderes: Es ist ein Fleischgericht, das ich nie als Gulyás bezeichnen würde, das ich aber trotzdem gerne esse. Und obwohl ich manchmal zusammenzucke, wenn ich den Namen Gulaš höre, finde ich es völlig in Ordnung, wenn andere dieses Fleischgericht so nennen. Allerdings würde ich nie behaupten, dass die Art, wie ich Gulasch zubereite, die einzig richtige ist oder dass mein Rezept das beste ist. Ich halte mich also keineswegs für eine Hüterin der Hühnersuppe – in diesem Fall für eine Hüterin des Gulaschs. 

Anstatt uns zusammenzubringen, können die Namen der Gerichte uns voneinander trennen und dazu dienen, Mauern zwischen bestimmten Kulturen und Traditionen zu errichten. Um diesen Punkt zu veranschaulichen, komme ich auf meine bereits erwähnte virtuelle kroatische Kochgruppe zurück. Unter ihren Mitgliedern sind Menschen aus allen Regionen Kroatiens und aus der Diaspora vertreten. Und doch scheint die Toleranz einiger Mitglieder gegenüber regionalen Gerichten und Speisebezeichnungen, die nicht den aktuellen politisch korrekten Normen in Kroatien entsprechen, recht gering zu sein. So ist es nicht verwunderlich, dass man auf Kommentare stößt, die sofort alles ablehnen, was auch nur im Entferntesten slowenisch klingt, obwohl der Dialekt der Grenzregion Hrvatsko Zagorje dem Slowenischen näher steht als dem Standardkroatischen, und die regionalen Gerichte slowenische, österreichische und ungarische Einflüsse aufweisen. Noch schlimmer sind Namen, die als serbisch wahrgenommen werden. Die Bemerkung „Čorba nije hrvatski naziv za jelo/Čorba ist kein kroatischer Name für ein Gericht“ offenbart diese Art von Vorurteil und ist einigermaßen korrekt, da das Wort Čorba, ursprünglich aus dem Arabischen, von den osmanischen Türken auf die Balkanhalbinsel gebracht wurde und heute in Serbien viel häufiger verwendet wird als in Kroatien. Trotzdem wird Čorba heute auch in Kroatien gegessen. 

Zusammenfassend möchte ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, dringend davon abraten, sich zum Wächter der Wurst und zum Hüter der Hühnersuppe – oder zum Wächter irgendeines bestimmten Gerichts – zu machen, und Sie stattdessen ermutigen, Ihre Vorurteile hinter sich zu lassen und in die erstaunlich vielfältige kulinarische Landschaft einzutauchen, die dieser Teil von Europa zu bieten hat. In diesem Sinne wünsche ich: Guten Appetit! Jó étvágyat! Dobar tek! Prijatno/Пријатно! Uživajte v obroku! Poftă bună! Смачного! 

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