Esther Kinsky: Weiter Sehen. Berlin: Suhrkamp Verlag 2023. 185 S.

Das Kino als Raum gemeinsamen Sehens und Erlebens, der „Blick aus dem Dunkel in eine vom Film geschaffene Weite“ (S. 9) – ist das heute nur noch Erinnerung, nur noch ein Traum? Und warum erzählt jede Kinoruine, egal wo sie steht, auf ihre Weise vom Ende dieses gemeinsamen Traums? „Das Kino als Ort der Klassenlosigkeit verging.“ (S. 22) Dieses Vergehen, das man durchaus als Verlust ansehen kann, möchte Esther Kinsky in bleibende Worte fassen. Zu Literatur machen. In ihrem im Stil der Bücher von W.G. Sebald von prägnanten Fotos begleiteten Romanessay geht es ihr immer zugleich darum, was man sieht und wie man es sieht. „Ein Film im Kino ist in seiner Dichte und Absolutheit immer ein Eingriff in den Lauf der Welt für die Zuschauenden. Die Erfahrung eines solchen Eingriffs wurde von unzähligen Menschen geteilt […].“ (S. 19) 

Um die schöne Vision eines lebendigen Lichtspielhauses noch einmal, wenigstens für kurze Zeit, Wirklichkeit werden zu lassen, versucht die Erzählerin zu Anfang des neuen Jahrtausends ein Dorfkino im abgelegenen Südosten Ungarns zu neuem Leben zu erwecken. „Niemand in Budapest sprach freundlich von diesem flachen Land, dem Alföld […].“ (S. 23) Ihr jedoch erschließt sich Schritt für Schritt der besondere Reiz dieser „Landschaft der Leere, der Wiederholung, der verwirrend ähnlichen Namen auf den Ortsschildern, der großen Langsamkeit“. (S. 24) Für einige Zeit wird sie, die einzige Hauptfigur dieses Textes, Teil des in all seiner Skurrilität liebenswert geschilderten Provinznests: „Ich fühlte mich fremd unter den Blicken, aus allen Zusammenhängen von Vertrautheit oder Zugehörigkeit gelöst, eine Empfindung, die ich nicht kannte, die mir aber behagte“. (S. 32) Und sie findet allmählich einige Verbündete für ihren Plan, das wohl aus den frühen 1960er-Jahren stammende, olivgrün gestrichene „mozgóképszínház“, genannt „mozi“, wiederaufleben zu lassen – eine altertümliche Bezeichnung übrigens, die heute kein Mensch mehr verwendet. „Auch dieses Kino, mitten in einem ungarischen Dorf, das mal eine Stadt gewesen war, hatte seine Einmaligkeit […] Alles hatte hier lange geschlafen, die Sitze, die dicken Vorhänge an den Türen zwischen Foyer und Zuschauerraum, die Zelluloidstreifen und die Projektoren.“ (S. 52) Mit einer ganzen Reihe von aufmerksam und plastisch geschilderten Helferinnen und Helfern, mit sturköpfiger Hartnäckigkeit und zäher Geduld, mit oft schwierig zu besorgenden Neuanschaffungen und vor allem mit enormem Arbeitsaufwand gelingt es schließlich, das alte Kino einigermaßen herzurichten, und nachdem man sich auf „drei Vorstellungen pro Woche, zwei Filme“ (S. 160) geeinigt hat, kann es endlich losgehen. Geboten werden „ungarische Sommerkomödien, die unweigerlich am Balaton spielten, ein Zeichentrickfilm, ein Kriminalfilm, ‚Heiße Felder‘ mit Katalin Karády, der einzige Film mit ihr, den wir ergattern konnten“ (S. 160) – und manches mehr. Doch zur Vorstellung einer Balatonkomödie kommen nur sechs angetrunkene Jugendliche, die ihre Sommerferien bei den Großeltern auf dem Alföld verbringen müssen. „Ich sammelte nach dem Film die leeren Dosen unter den Sesseln ein und war froh, dass keinem von ihnen schlecht geworden war.“ (S. 160) Ende September muss das Mozi wieder schließen: „Kino als privates Vergnügen ging nicht, der Saal füllte sich nicht mit den Zauberfäden verschiedener Blicke, der große verschmähte Raum wurde immer wieder von Trostlosigkeit eingeholt, die sich schließlich als Untröstlichkeit entpuppte. Die Untröstlichkeit der Verwaisung“. (S. 163) Natürlich war von vornherein absehbar, dass der ambitionierte Plan letztlich scheitern muss. Aber er scheitert grandios. Die Fragen nach dem Verhältnis von Kino und Leben, Kino und Literatur, Kino und Fotografie bleiben. Und Besseres kommt nicht nach: „Das Schwinden des Kinos als Ort lässt sich nicht trennen von der Unterwanderung des Sehens als Willensakt durch die Vorgaukelung einer größeren Auswahl, abgedrängt ins Private, Kleine, Kontrollierbare. Der Öffentlichkeit entzogen, der Subversion entfremdet“. (S. 148) 

Quasi nebenher ist Weiter sehen auch ein Ungarn-Buch voller eindrücklicher Schilderungen der Metropole Budapest und des ländlichen Ungarn – und den Spannungen zwischen beiden. „Am Blaha Lujza tér ballten sich Lärm, Straßenstaub und Abgase, und nach Monaten im Tiefland verschlug mir die schiere Geschwindigkeit der Bewegungen anfangs den Atem, obwohl Budapest nie zu den schnellen Städten gehört hat.“ (S. 140) Es ist ein leicht melancholisches, wehmütiges und sprachlich brillantes Registrieren der neuen Zeiten, die in den sogenannten Nuller- und Zehnerjahren mit aller Macht auch die ungarische Gesellschaft stark verändern und, wie anderswo auch, das Kinosterben vehement beschleunigen. Sechzehn Jahre nach dem „Mozisommer“ (S. 171) besucht die Erzählerin noch einmal den Ort des einstigen Kinos. Die einsamen Trinker auf den Kneipenveranden gibt es noch, aber immer mehr Häuser scheinen verlassen zu sein und verfallen langsam. „Ansonsten war es menschenleer zwischen den Häusern, Krähen schweiften über die Felder, doch die Straßen waren glatt und ausgebessert im Vergleich zu früher, die Abwesenheit von allen Schlaglöchern erschien in dieser Ausgestorbenheit trügerischer als die früheren Unebenheiten.“ (S. 175) Die Bilanz des ehrgeizigen und aufwändigen Mozi-Projekts ist ernüchternd: „Das war vom Kino geblieben, leere, ausgehebelte Plätze ohne Ausblick. Ohne eine Richtung, in die das Auge sehen, geschweige denn weiter sehen konnte“. (S. 180) 

Bekannt geworden ist Esther Kinsky als kongeniale Übersetzerin, subtile Lyrikerin und kluge Essayistin. Doch erst ihre Romane, vor allem Am Fluß (2014), brachten der 1956 im Bergischen Land geborenen Berliner Autorin renommierte Literaturpreise und hilfreiche Stipendien ein. Ihr jüngster, unübersehbar von einem gewissen Kulturpessimismus grundierter, kluger und anregender, oft wehmütiger und immer nachdenklicher Text hat seine Längen. Denkt man an Fremdsprechen (2019), einen wunderbar dichten Essay zum Thema Übersetzen, oder an den intensiven „Geländeroman“ Hain (2018), dann kommt man nicht umhin zu sagen, dass Weiter sehen wohl nicht der beste Essay oder der eindringlichste Roman von Esther Kinsky ist. Aber es ist ein gutes Buch. 

Von Klaus Hübner

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