Joachim Wittstock: Das erfuhr ich unter Menschen. Romanhafte Chronik siebenbürgischer Schicksale. Bonn, Hermannstadt: Schiller Verlag 2024. 604 S.

Bereits im Vorwort erfährt die Leserschaft, dass der Erzähler die Rolle des Chronisten einnimmt und versucht, „den Erzählbericht wirklichkeitsnah zu gestalten“. (S. 10) Zu diesem Zweck hat er „reichlich zeitgeschichtliche und sonstige Dokumentationen durchgesehen und ihnen wichtige Daten entnehmen können“. (S. 10) Um einen leichten Zugang zu den Figuren zu gewährleisten, gibt es am Anfang der erdachten Chronik ein Personenverzeichnis. (S. 12f.)

Das Werk beginnt mit Informationen über die Familie Tartler, deren Schicksal eng mit dem Kronstädter Sanatorium verbunden ist. Dieses wird 1948 vom volksdemokratischen Regime enteignet. Der Geschichte dieser Heilanstalt gilt das Interesse des Ich-Erzählers. Es gibt Auskünfte über die Gründergeneration und ihre gesellschaftliche Stellung in Kronstadt (rum. Braşov, ung. Brassó), über die Nachkommen der Familie und deren Berufe, über den Zustand des Gebäudes vor und nach der Enteignung sowie über die Rückerstattung in den 1990er-Jahren und den Verkauf durch die Nachfahren.

Wie schon der Anfang des über 600 Seiten langen Textes verrät, steht die Ärztefamilie im Mittelpunkt des Geschehens, eng verbunden mit ihrer Berufung im Bereich der Medizin. Der Ich-Erzähler offenbart durch die Beschäftigung mit dieser Familie den „Wunsch, einen Roman medizinisch-klinischer Thematik zu schreiben“. (S. 31) Hier kann eine Annäherung des Ich-Erzählers an den Schriftsteller festgestellt werden, denn im Text gibt es ein Wechselspiel zwischen Fiktion und Wittstocks eigentlicher literarischer Produktion. Dies ist eine Art Rechtfertigung für seine Tätigkeit als Literat und stellt eine Verbindung zwischen den Kapiteln her. Durch das früher bereits einmal abgedruckte Prosastück Schlüsselpunkt wird die Gestalt Dr. Bogners eingeführt. Es gibt eine Zusatzerklärung, und zwar, dass dieses Stück vom Ich-Erzähler im Kronstädter Literaturkreis vorgelesen worden war und Dorothea Tartler-Decani an der betreffenden Veranstaltung teilgenommen habe. Ihre Anwesenheit verleitet den Ich-Erzähler beziehungsweise Wittstock dazu, sich mit der bereits erwähnten medizinischen Thematik eingehender zu beschäftigen und das „Kronstädter Heilwesen ernst“ (S. 67) zu nehmen.

Ein weiterer Text, der einst in der Neuen Literatur erschienen war, wird in die Chronik eingefügt. Es handelt sich um die Erzählung Rettungsfahrt (S. 68–95), in deren Geschehen Dr. Bogner als „Arzt und Bürger“ (S. 69) versagt hat. Als Augenzeuge eines Autounfalls griff er nicht ein, erkannte die Notlage nicht und dieses schmähliche Verhalten wurde ihm von seinen Vorgesetzten vorgeworfen und in ein angeblich vorhandenes, eher fiktives Strafregister eingetragen.

Im Namen Bogner manifestiert sich die Verbindung zu den Vorfahren des Ich-Erzählers, wodurch diese symbolisch evoziert werden. Über die Sippschaft der Bogners gibt es für die Leserinnen und Leser weitere Informationen, die im Folgenden kurz zusammengefasst werden. Ein gewisser Konrad Bogner stammt aus Sächsisch Reen (rum. Reghin, ung. Szászrégen), zieht jedoch nach Kronstadt um, wo er als Textilfach- und Geschäftsmann arbeitet. Seinen Sohn tauft er auf den Namen Petrus Benvenuto Bogner, angelehnt an einen mutmaßlichen Ahnen, zu dem die Verbindung durch Urkunden nicht eindeutig belegt werden kann. Petrus/Peter Bogner wird Röntgenarzt und arbeitet im enteigneten Tartler-Sanatorium.

Eine andere Familie Bogner, bestehend aus Eduard und Helene sowie deren Kindern, kommt „im Frühjahr 1941“ (S. 105) aus den Niederlanden, um sich im Burzenland niederzulassen. Sie verbinden ihre Ankunft mit einem Vorfahren, ohne aber den eigentlichen Grund ihrer Umsiedlung zu nennen: die Besetzung ihres Heimatlandes durch die deutsche Wehrmacht. Das deutsche Umfeld von Kronstadt erleichtert ihnen die Anpassung an das Leben in Osteuropa.

Im Theater lernen Eduard und seine Frau Volkmar Decani kennen, der eine weitere Schlüsselfigur in Wittstocks Werk ist. Decani wohnt eigentlich in der Hauptstadt Bukarest (rum. Bucureşti) und arbeitet als Journalist beziehungsweise Presseagent. Er veröffentlicht seine Beiträge gelegentlich unter dem Namen Bogner (!). Über ihn heißt es: „Herr Volkmar sei Hauptmann der k. u. k. Armee gewesen und dann, nach der Kapitulation, vom rumänischen Heer als Offizier übernommen worden“. (S. 113f.) Nachdem er seine militärische Karriere beendet hat, arbeitet er für eine Firma, deren Hauptbereich die Erdölgewinnung ist. Er versucht sich zeitweilig als „Depotverwalter, Kassierer und Buchhalter“ (S. 123), doch ein stetes Leben ist für ihn keine richtige Alternative. In jüngeren Jahren geht er drei Ehen ein und hat insgesamt drei Töchter. Nähere Bindungen interessieren ihn nicht; er ist ein typischer Einzelgänger. Am meisten sagt ihm die Arbeit als Journalist zu. In Bukarest findet er eine Anstellung in der Presseagentur Transkontinent-Press. Seine Hauptaufgabe besteht darin, Informationen, die für die deutsche Politik von Belang sind (siehe S. 186), an deutsche Nachrichtendienste weiterzuleiten. In diesem Kontext gerät Decani auch ins Visier des rumänischen Sicherheitsdienstes, aber auch, weil er als „Mitglied des Diplomatischen Korps“ (S. 130) politische Beziehungen zu Deutschland unterhält. Eine andere Episode, der man Aufmerksamkeit schenken sollte, ist die Reise Decanis jenseits des Pruth. Sein Auftraggeber, die „Bukarester Vertretung Deutschlands“ (S. 137), will „die gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen Bug und Dnjester“ (S. 137) erkunden, doch man kann über den wahren Grund dieser sogenannten Inspektionsreise im Jahr 1941 nur spekulieren (vermutlich war Spionage im Spiel). Während dieser Reise gibt es auch Auskunft über die Sekretärin des deutschen Konsulats in Kronstadt, Ella Friedwagner, die aus Czernowitz (rum. Cernăuţi) stammt. Über diese Figur erfahren wir, dass sie später unter unbekannten Umständen ermordet wurde.

Dem Journalisten wird von der rumänischen Regierung arrogantes Verhalten vorgeworfen, was auch sein Ansehen in der deutschen Gesandtschaft beschädigt, sodass er Bukarest verlassen muss und nach Sofia umzieht. Trotz dieser Rückschläge schafft es Decani, für sich und seine Familie die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Dieser Aspekt wird ihm nach Kriegsende zum Verhängnis und er muss ein Jahr in Haft verbringen. Nach seiner Entlassung muss er für kurze Zeit nach Deutschland gehen, doch die Heimat ruft und er kehrt zurück nach Rumänien: zuerst nach Temeswar (rum. Timişoara, ung. Temesvár), wo er seiner verstorbenen Frau Claudia gedenkt, danach nach Siebenbürgen. Nach mehreren Stationen lässt er sich in Neumarkt am Mieresch (rum. Târgu Mureş, ung. Marosvásárhely) nieder, wo er seine letzte Frau Tünde-Gisela heiratet.

Wie so viele andere wird auch er vom Sicherheitsdienst bespitzelt und zu informellen Gesprächen aufgefordert. Mehrere dieser Treffen drehen sich um seine Arbeit als „Zeitungsmensch“ (S. 406) und vor allem um seine Kontakte zum deutschen Ausland, also seine politische Tätigkeit. Die Befragung durch die Securitate folgt einem bekannten Muster: Die Agenten haben Vorarbeit geleistet, Informationen gesammelt, und sie konfrontieren die Ausgefragten damit in der Hoffnung, Bestätigungen zu erhalten beziehungsweise Zusatzdaten zu bekommen. Die Menschen werden unter Druck gesetzt, damit sie dann als Informanten angeheuert werden können. So auch Volkmar Decani, der für den rumänischen Sicherheitsdienst als Virgil Podragu Berichte schreibt.

In diesem Roman sind nicht nur die Figuren – die Tartlers, die Bogners und die Decanis – Handlungsträger, sondern auch ein wichtiges Gebäude aus Kronstadt: das Sanatorium Dr. Tartler. Die Heilanstalt war im Ersten Weltkrieg ein „Rot-Kreuz-Spital“, danach Privatsanatorium mit weitgefächertem Behandlungsspektrum. Nach der Enteignung diente es weiter als Krankenhaus, danach wurde dort ein Forstbetrieb eingerichtet. Seine Blütezeit erlebt das Sanatorium zwischen den beiden Weltkriegen, als das Gebäude ausgebaut und die neuesten Röntgenapparate aus dem Ausland nach Kronstadt gebracht wurden. Hier arbeitet die Tochter des ehemaligen Besitzers, „Frau Dr. Dorothea“. (S. 199) Dorothea Tartler-Decani hat in der Zeit der Volksrepublik eine leitende Stelle im „Krebsspital“ inne, wo vergleichsweise neue Behandlungsmethoden angewandt wurden. Sie und ihr Kollegium behandeln Patienten aus ganz Siebenbürgen, bestrebt, ihre Schmerzen zu lindern oder sie zu heilen. Die Leserschaft erfährt auch, dass Dr. Dorothea in Deutschland studiert und fünfzehn Jahre lang den Arztberuf praktiziert hat, wo sie moderne Heilverfahren und Therapien erlernen und ausprobieren durfte. Diese Informationen zu ihrem Leben als junge Frau erfährt der Ich-Erzähler aus erster Hand, unter anderem von ihrer Tochter Constanze Decani.

Nach 1990 wird das ehemalige Sanatorium an die „Tartler-Nachkommen“ (S. 438) rückerstattet. Diese wollen es verkaufen und einer der Bewerber will es in ein Parkhaus umwandeln. Der Ich-Erzähler, der sich mit der fast hundertjährigen Geschichte des Gebäudes beschäftigt hat, möchte nun mehr über den Verkauf erfahren, weil damit ein Stück Kronstädter Geschichte verbunden ist. Im Jahr 2021 besiegelt man die Zukunft des Tartler-Sanatoriums: Es wird dem Betreiber einer Pension verkauft und vermutlich ebenfalls zu einer Pension umgestaltet.

Die Zeiten ändern sich: Alte Mauern werden zweckentfremdet, vertraute Menschen sind verschwunden. Was bleibt, sind Ereignisse, die teils in Zeitdokumenten festgehalten, teils mündlich überliefert wurden. Die siebenbürgischen Schicksale, wie sie im Untertitel erscheinen, werden in Joachim Wittstocks Roman exemplarisch aufgehoben. Die Chronik eröffnet einen Einblick in eine multikulturelle Welt, die für Siebenbürgen bis heute von Bedeutung ist – wenn auch unter anderen Bedingungen des Zusammenlebens als dazumal.

Andreea Dumitru

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