„Alexa, wie ist das Wetter in Domažlice?“ – „Tut mir leid, ich habe den Standort nicht verstanden.“ 

„Warte mal, Mama, lass mich das probieren“, sagt meine sechsjährige Tochter auf Tschechisch. Auf Deutsch spricht sie dann weiter: 

„Alexa, wie ist das Wetter in Taus?“ – „Die Temperatur in Taus, Tschechien, beträgt aktuell zwei Grad Celsius bei überwiegend klarem Himmel…“ 

Alexa, die von Amazon entwickelte digitale Assistentin, kennt Domažlice also nicht, sie kennt nur Taus. Wegen eines tschechischen Volksliedes, das ich meiner zweisprachigen Tochter auf dem Weg durch Westböhmen immer wieder mal vorsinge und in dem beide Ortsnamen vorkommen, ist ihr eingefallen, dass Taus wohl die bessere Wahl für Alexa ist.

„Žádnej neví, co jsou Domažlice“

In einem bekannten Volkslied aus Chodenland werden die Ortsnamen Domažlice und Taus thematisiert.

Auch wenn ich später feststellen musste, dass es bei Domažlice an der Aussprache lag (man muss Domaclice sagen), hat mich das inspiriert, mit Alexa weiterzuexperimentieren.

„Alexa, wie ist das Wetter in Reichenberg?“ – „In Reichenberg, Bayern…“

„Alexa, wie ist das Wetter in Reichenberg, Tschechien?“ – „In Liberec, Tschechien, beträgt die Temperatur…“

„Alexa, wie ist das Wetter in Eger? – „In Eger, Tschechien, beträgt die Temperatur…“

Reichenberg versteht Alexa zwar, aber übersetzt es bei der Antwort ins Tschechische, dafür bleibt Eger Eger. Ähnlich wie mit Reichenberg verhält sich das mit Hotzenplotz / Osoblaha, Falkenau / Sokolov oder Breslau / Wróclaw.  Bei Klattau, Leitmeritz oder Danzig bleiben die Namen auch in der Antwort deutsch.

Nicht nur Alexa scheint manchmal verwirrt zu sein von den deutschen und tschechischen (oder polnischen) Bezeichnungen der Ortschaften. Auch in der wissenschaftlichen und kulturellen Arbeit des Adalbert-Stifter-Vereins ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie wir die Ortsnamen in unseren deutschsprachigen Texten angeben. Sollen der tschechische und der deutsche Name genannt werden? Und welcher zuerst oder welcher nur in Klammern?

Um das korrekt entscheiden zu können, muss man sich manchmal auf eine wahre Spurensuche begeben. 

Jeder Ortsname hat eine eigene Geschichte

Deutsche Ortsnamen sind seit Ende des 12. Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens in Dokumenten belegt. Mit der ländlichen Kolonisation im 13. und 14. Jahrhundert hat die deutsche Sprachvariante weiter zugenommen. .

Im 16. Jahrhundert folgte eine weitere Welle an neu entstandenen Ortschaften mit deutschen Namen, zum Beispiel im Erzgebirge. Diese Entwicklung setzte sich dann wieder nach dem Dreißigjährigen Krieg fort, als die entvölkerten Gebiete besiedelt wurden.

Stadtplan Reichenberg / Liberec um 1930

Aus all diesen historischen Epochen gab es einen Teil der Ortsnamen nur in der deutschen Sprachvariante, weil auch die Gebiete überwiegend deutsch waren.

In den nationalen und somit auch sprachlich gemischten Gebieten wurden hingegen zwei Ortsvarianten benutzt:

  • Manchmal wurde dabei der deutsche Name tschechisiert (Krumau – Krumlov) oder übersetzt (Niederhof – Dolní Dvůr). 
  • Manchmal wurde der tschechische Name germanisiert (Volyně – Wollin) oder übersetzt (Vlachovo Březí – Wällischbirken, älter Welschbirken). 
  • Für manche Orte gab es auch parallel zwei gegenseitig nicht motivierte Namen im Tschechischen und im Deutschen (Loučky – Schönau, Libouchec – Königswald).

In der Zeit von Österreich-Ungarn entstanden Gemeindelexika, wie z. B. das Orts-Repertorium für das Königreich Böhmen aus dem Jahr 1913. Sie geben die Ortsnamen auch aus komplett tschechischen Gebieten in einer verdeutschten Variante an (Běchovice – Běchowitz, Horní Měcholupy – Ober-Měcholup). 

Den deutschen Namen erging es 1918 nach der Entstehung der Tschechoslowakei ähnlich. Für deutschsprachige Gemeinden mit einer größeren tschechischen Minderheit wurden tschechische Namen eingeführt. Manche tschechischen Varianten stammten aus historischen Quellen, manche aus dem Gebrauch der tschechischen Minderheit. Wenn beides nicht zutraf, wurden sie neu tschechisiert (Friedrichswald – Bedřichov).

Gemeinden ohne eine größere tschechische Minderheit erhielten meist keine tschechischen Namen. Bei Gemeinden, in denen es keine bedeutende deutsche Minderheit gab, waren die bisherigen deutschen Namen jedoch nicht mehr offiziell.

Während des Zweiten Weltkrieges führte das nazistische Regime wiederum deutsche oder verdeutschte Varianten für alle tschechischen Orte ein. Gegenüber dem oben erwähnten Repertorium für das Königreich Böhmen von 1913 war hierbei die Germanisierung aber deutlich konsequenter (Ober-Měcholup in 1913, Ober-Miecholup 1941).

Nach Mai 1945 hat sich die politische sowie sprachliche Situation wieder einmal komplett verändert. Während man bisher immer die Zweisprachigkeit berücksichtigt hatte, entstand nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung so gut wie ein einsprachiges Gebiet. Dabei gab es nur in Böhmen über fünfhundert Gemeinden, die entweder gar keinen tschechischen Namen oder einen nur äußerlich leicht tschechisierten hatten.

In den Nachkriegsjahren fand daher ein intensiver Umbenennungsprozess statt. Diesen steuerten Ortsnamenskommissionen. Manchmal wirkten aber auch die Einwohner mit. So hatte zum Beispiel die Kommission nicht empfohlen, dass Falknov nad Ohří / Falkenau an der Eger in Sokolov umbenannt wird. Der Grund: Falknov sei schon genug an die tschechische Sprache angepasst. Im Referendum sprachen sich nichtsdestotrotz 87 Prozent der Einwohner für die Umbenennung aus. 

Man muss unterscheiden

Man kann daher nicht generell entscheiden, welche Sprachvariante man angeben soll. In der Geschichte hatte es viele verschiedene Entwicklungen und Umbrüche gegeben, die sich auf die Namensentwicklungen oder -anpassungen auswirkten. Manche deutschen Namen gibt es seit dem Mittelalter, manche wiederum erst seit dem Zweiten Weltkrieg.

Zur Entwicklung der Ortsnamen in den böhmischen Ländern und in den Grenzgebieten vor 1945 sowie nach 1945 bietet der Adalbert Stifter Verein ein Videovortrag mit der Sprachwissenschaftlerin Tereza Klemensová an.

Sie können das Video unter folgendem Link abrufen: https://www.youtube.com/watch?v=YFHD6FYvqpg .

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