Der männliche Blick auf das Land | Dénes Krusovszky: Das Land der Jungen | Besprechung
von IKGS München
Der Dichter, Schriftsteller und Journalist Dénes Krusovszky wurde 1982 im ungarischen Debrecen geboren. „A fiúk országa“ [„Das Land der Jungen“] ist der erste, 2014 erschienene Band des Autors mit Prosaschriften. Es verwundert, dass dieser und nicht sein erster Roman ins Deutsche übertragen wurde, gelten Erzählungen doch als schwerer vermittelbar auf dem deutschen Buchmarkt. Womöglich ist es die Vielfalt der insgesamt neun Erzählungen, die aus der Erlebniswelt männlicher Paare, Singles, Verlobter, Verheirateter oder Geschwisterpaare berichten, welche den Verlag anregte, das Buch ins Deutsche übersetzen zu lassen.
12. Januar 2026Dénes Krusovszky: Das Land der Jungen. Erzählungen. Übersetzt von Terézia Mora. Berlin: Die Andere Bibliothek 2024. 264 S.
2006 wurde sein erster Gedichtband Az összes nevem [Alle meine Namen] veröffentlicht – ein Buch für Idealisten, Träumer, Gläubige, Glückliche und Unglückliche zugleich, wie die ungarische Literaturkritik schrieb. 2018 erschien sein erster Roman Akik már nem leszünk sosem [Die wir niemals mehr sein werden], der von der Verlorenheit und der Heimatlosigkeit der Dreißigjährigen handelt. Krusovszky gehört mit seinem Werk zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen ungarischen Literatur und wurde mit mehreren bedeutenden Literaturpreisen, unter anderem dem József-Attila-Literaturpreis (2012) und dem Déry-Tibor-Literaturpreis (2022), ausgezeichnet. A fiúk országa [Das Land der Jungen] ist der erste, 2014 erschienene Band des Autors mit Prosaschriften. Es verwundert, dass dieser und nicht Krusovszkys erster Roman ins Deutsche übertragen wurde, gelten Erzählungen doch als schwerer vermittelbar auf dem deutschen Buchmarkt. Womöglich ist es die Vielfalt der insgesamt neun Erzählungen, die aus der Erlebniswelt männlicher Paare, Singles, Verlobter, Verheirateter oder Geschwisterpaare berichten, welche den Verlag anregte, das Buch von Terézia Mora ins Deutsche übersetzen zu lassen. Der Band bildet damit einen gewissen Gegenpol zu den weiblich geprägten Stimmen in der zeitgenössischen ungarischen Literatur, die sich häufig der Traumata in der Vergangenheit und der Sinn-Suche in der Gegenwart widmen. In der Anordnung der Erzählungen lässt sich eine gewisse Alters-Chronologie der männlichen Protagonisten erkennen. Die Wiederholung der Motive, beispielsweise das Beinhaus in Sedlec oder das Potenzial körperlicher Gewalt, schafft eine Verbindung zwischen den sonst autonom angelegten Erzählungen.
Der Titel der Eingangserzählung Bevor mein Vater zersägt wurde mutet etwas derb an. Der Leser blickt aus der Perspektive zweier kleiner Jungen auf die zerrüttete Ehe der Eltern und den alkoholabhängigen Vater. Nichts scheint harmonisch und sicher für die Geschwister in der Familie zu sein. Eine Affäre im Arbeitsumfeld rettet die Mutter aus ihrer Einsamkeit und lässt sie wieder etwas mehr Fürsorge für ihre Kinder verspüren. Die Jungen durchlaufen alle Gefühlsregungen von Angst, Traurigkeit, Neugier bis zu Freude, als sie mit dem Vater in den Zirkus im Ort gehen. Dort gibt es eine absurde Erlösung aus den Gefühlswirren der Protagonisten. Der Vater wird während eines künstlerischen Aktes zersägt. „Ich bedauerte meinen Vater und hasste ihn zugleich, und obwohl ich wusste, dass wir gehen sollten, konnte ich mich nicht rühren“ (S. 34) – gibt der ältere Sohn von sich, nach der Hand des Großvaters greifend, der ihm diese erbärmliche Szene ersparen möchte. Zwei junge Heranwachsende stehen auch in Unbekannter Himmel im Mittelpunkt, als Unruhen durch Hooligans die nicht näher benannte Stadt erschüttern. Der Leser erfährt, dass es sich um ein eng miteinander verbandeltes Paar handelt, das sich aus dem Antrieb aufzubegehren und zu randalieren durch die Stadt und auf der Flucht vor den Polizisten voran bewegt. Das abrupte Ende – ein Junge wird verletzt, der andere flüchtet ins Ungewisse – mag symbolisch für die Wurzellosigkeit der Heranwachsenden stehen. Die titelgebende Erzählung Land der Jungen bricht mit dem Schweigen über das Tabu einer Abtreibung, die den namenlosen Protagonisten in die Verzweiflung treibt. Der vor der Hochzeit stehende junge Mann fährt zu seinen Eltern in einen Ort in der Nähe des Balatons. Der Vater, dem Alkohol zugeneigt, und die Mutter, eine eher sorgenvolle Natur, empfangen ihn recht uninteressiert. Im einstigen Kinderzimmer des Protagonisten stehen IKEA-Tüten mit alter Kleidung herum, die die Mutter weggeben möchte. Im Rückblick durchläuft der Sohn den Tag, als er mit der damals 18-jährigen Freundin Juli ins Krankenhaus fährt, um einen Abort durchführen zu lassen. Den Eltern verschweigt er alles, gibt vor, eine Hose kaufen zu müssen. Wie Juli ist er unsicher und ängstlich, vergräbt sich in Gedanken und versucht die Situation dennoch so lässig wie möglich zu sehen, um der Schwangeren Halt zu geben. Auch hier gibt es kein Happy End; die beiden trennen sich und gehen eigene Wege und der junge Mann übermittelt der Mutter im Nachgang, die Kleidung könne zum Roten Kreuz, als wolle er sich damit von der Vergangenheit lösen. Das Motiv der sexuellen Anziehung wird in den Erzählungen Auf der Lichtung und Die neuen Wilden wiederholt. Beim Abdecker arbeitend, wird in Auf der Lichtung ein soeben durchs Abitur gerasselter Junge mit mehreren Katzenjungen konfrontiert, die er töten soll. Er kann sich nicht überwinden und nimmt den Sack mit den Katzen mit, lässt ihn schließlich zurück, als ihn der Anblick eines Geschlechtsaktes auf dem Gelände der ehemaligen Schule zur Flucht veranlasst. Er tut dies aus Scham oder welchen Gefühlen auch immer, aber es bleibt der Eindruck, dass sich hier etwas Seltsames zugetragen habe. Das stereotype Bild vom starken Mann wird auch hier durch sanfte Empfindungen eines verunsicherten jungen Mannes kontrastiert. Vom Onkel großgezogen, scheint das männliche Pendant, der Vater, weit weg zu sein und große Angst zu erzeugen, die der Junge nicht näher beschreiben kann. Mit dem Tatortfotografen in Die neuen Wilden verbindet den Abdecker-Jungen die Sicht auf Szenen, die verwirrende Gefühle auslösen. Der Fotograf gibt sich dem Rhythmus des Morgens hin; die Frau liegt noch im Bett, es scheint ein Tag zu sein wie jeder andere. Einzig ungewöhnlich ist die sexuelle Erregung, die er verspürt und die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Erregung geht über in Neugier und die Frage, was ihn am nächsten Tatort, einem Haus in der Nähe, erwartet. Zwischendrin erfährt der Leser einiges über das Leben des Fotografen. Dessen kinderlose Frau hofft außerhalb der Stadt ein ruhigeres Leben finden zu können. Zwischen Großstadtsehnsucht und ländlicher Wohnrealität schwankend, geht der Fotograf seiner Tätigkeit nach; fotografiert eine Tatortleiche nach der anderen, sieht nicht den monströsen Tod in den Abgebildeten, sondern vielmehr Details des Schönen und Bezaubernden. Nach der Tatortbegehung wieder zu Hause, schläft seine Frau immer noch, und er gibt sich dem Moment hin, ihren besonderen Anblick mit der Kamera festzuhalten. Mit einer Gewaltszene hingegen beginnt und endet die Erzählung Der dritte Mann. Eine Zufallsbegegnung in der Postfiliale bringt das Leben von János und Feri durcheinander. János ist fest entschlossen, den Mann, der ihm in der Filiale begegnete, erneut aufzusuchen. Feri versucht ihn vergeblich davon abzuhalten. Sie folgen dem unbekannten dritten Mann bis zu einer Kneipe, und schließlich greift Feri ihn ohne Vorzeichen an. Ob er sich erinnere, an den 10. Februar 1977, an die Begegnung im Café Ibolya, und dass er sie verraten würde, wenn sie nicht tun würden, was er sage. Man erfährt, dass ein Spitzel auf die beiden angesetzt wurde; ihre Homosexualität wurde ihnen damals zur Gefahr. Im Moment der Wiederbegegnung entlädt sich alle angestaute Wut. Der Mann von damals erinnert sich jedoch nicht an die beiden. Zu viele Fälle habe er gehabt. So bleiben eine Leere und die Frage, ob tiefe Wunden in der Vergangenheit anders als im Angesicht der Verursacher verziehen werden können. Nach diesen im 20. und 21. Jahrhundert spielenden Geschichten überrascht die ins 17. Jahrhundert zurückreichende Erzählung Das Ende der Nacht. František Rint, Tischlermeister in Skalica, wird vom alternden Fürsten beauftragt, aus sterblichen Überresten ein Kunstwerk zu schaffen. Rint sieht sich der Aufgabe nicht gewachsen; er sei Tischler und kein Baumeister. Unter dem Drängen und der Bewunderung des Fürsten gibt er schließlich nach. Er lässt sich nach Czermna kutschieren, um dort ein aus dreitausend menschlichen Schädeln errichtetes Denkmal eines Priesters in einer Kapelle zu besuchen. Es folgt eine Odyssee an Visionen und Alpträumen, deren Ursprung er nicht einmal seiner Frau mitteilt. Menschliche Überreste im Auftrag der Durchlaucht zu untersuchen, Knochen aus Gräbern auszugraben, widerstrebt Rint weiterhin zutiefst. Im Hallstatter Beinhaus erlebt er, wie dem zum Ornament gewordenen Todesmotiv zugleich eine tiefe Lebensbejahung entströmt. Unter diesem Eindruck führt er seinen Auftrag mit großem Einsatz aus und kehrt in seinen Tischlermeister-Alltag zurück.
Es sind lebensnahe und von tiefen Emotionen durchdrungene Geschichten, die Krusovszky in dem Band zusammenführt und damit einen Gegenpol zur weiblichen Perspektive in der ungarischen Gegenwartsliteratur von Noémi Kiss, Krisztina Tóth und vielen anderen Autorinnen setzt. Der Leser gewinnt den Eindruck, es handele sich um ein Land von lauter männlichen Protagonisten, die mit ihrer Feinfühligkeit und ihrem sensiblen Geist manch neue Nuance in ansonsten gängige Perspektiven auf das Land bringen. Sie alle verbindet eine unbändige Sehnsucht, die Dinge, die da passieren, zu verstehen und ihrer auch emotional habhaft zu werden. Manch nüchterne, rationale Perspektive mag von dieser emotional aufgeladenen Atmosphäre ausgeklammert sein. Die große Klammer der Geschichten bildet das Verwobensein von Krusovszkys Protagonisten mit einem feinen Raster an Emotionen und der Frage nach dem, was ganz tief in der Seele der Männer dieses Landes steckt.
Silvia Petzoldt