Dana Ranga: Stop – Die Pausen des Sisyphos. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Berlin: Matthes & Seitz 2023. 69 S.

Ranga, die an der Universität Bukarest bereits ein Medizinstudium absolviert hatte, studierte an der FU Semiotik, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft. In Berlin lebt sie bis heute. Zwischen 1995 und 2009 übersetzte sie Lyrik aus dem Rumänischen und Englischen, veröffentlichte eigene Gedichte in internationalen Literaturzeitschriften, schrieb Hörspiele und Radiofeatures. Und sie drehte Dokumentarfilme – zum Beispiel eine Weltraum-Trilogie (Story, 2003; Cosmonaut Polyakov, 2007; I am in Space, 2012), ausgezeichnet auf Filmfestivals in Marseille oder São Paulo. 

Rangas lyrisches Debüt mutet auf den ersten Blick frappierend anders an als die drei späteren Bände, ist sein Themen-, Formen- und Motivspektrum doch ungleich breiter als dasjenige der streng komponierten, direkt in deutscher Sprache verfassten Bücher – in der Musik würde man von Konzeptalben sprechen: Wasserbuch ist ein subaquatischer Band, der vom Gewimmel unter der Meeresoberfläche auf das menschliche Treiben an Land blickt; Hauthaus sucht die Bilder gleichsam subkutan auf, im Innern des Körpers und der Organe; Cosmos! wiederum verarbeitet poetisch Interviews mit Astronautinnen und Astronauten – vor, während und nach ihren Weltraumreisen. 

Die Frage, der sich Stop stellt, lautet: „Wo soll / ich die Abertausenden Bilder archivieren?“. (S. 46) Sein Glutkern wird in poetologische Verse eingeschlossen: „Wie könnte man den Preis eines intimen, äußerst / persönlichen Vorgangs verstehen; die Poesie muss / ausgestellt werden, die Schöpfung“. (S. 36) 

Was die facettenreiche Ausstellung der Poesie in Stop gleichwohl mit den auf Deutsch verfassten Gedichtbänden verbindet, ist der eindringliche Dana Ranga-Blick aus der Ferne auf das Nahe, vom Fremden auf das Eigene – auf das, was hinter Grenzen und Membranen liegt. Ein Perspektivwechsel vom scheinbar Bekannten ins Unbekannte: ins Weltall, unter die Haut, unter den Meeresspiegel – unter die Oberfläche der Erscheinungen. Ein Blick in Grenzräume, Schwellenräume, unwägbar-unbegreifliche Räume – den Kosmos, die Ozeane –, der zugleich eine andere Deixis, Skalierung und (Raum-)Orientierung erzwingt, Verfremdung, Verlangsamung, Verunsicherung. 

„Das Universum“, heißt es in Stop, „ist eine Collage aus Realitätsfragmenten, / Milliarden von gültigen Wirklichkeiten, Lebensweisen“. (S. 36) Das Weltall wölbt sich auch über diesen Band, ist sein all-gegenwärtiger Fluchtpunkt. Der „Kosmos voller Galaxien / und Supernoven“, damit schließt der Band und ein letztes Gedicht, das die Mannigfaltigkeit alltäglicher Lebensvollzüge kunstvoll in poetische Gleichzeitigkeit überführt, „lastet auf einem Wohnblock mit / dünnen Wänden“. Ein Wohnblock, auf dessen Dach – damit sei die unerhörte Evidenz von Rangas Bildsprache aufgerufen – „die Antennen / still zwischen Lianen von Wellen und einem / Gestrüpp aus Flüstern“ (S. 69) wachsen. Und auch das Meer ist in Stop nahe, entweder todbringend, unermesslich, zurückweisend – oder in einem Augenblick (und dasselbe gilt für das gleichnamige Gedicht) „einfach und perfekt“. (S. 26) 

Rangas Band ist viergeteilt, jedem Teil geht ein Buchstabe aus dem Wort Stop voran, als Schrift- und Lautzeichen: „S, s [es]“, „T, t [te]“, „O, o [o]“ und „P, p [pe]“. 

Wie in den Suhrkamp-Bänden spielt Dana Ranga auch hier typographisch mit Gedichterwartungen und Lesegewohnheiten. Wasserbuch wird beschlossen von einem alphabetisch angelegten Hybrid aus Inhaltsverzeichnis und Glossar, das nicht nur die Seitenzahlen der mit Fischnamen versehenen über- – nein: unterschriebenen Gedichte angibt, sondern auch die deutsche Bezeichnung der mit den lateinischen zoologischen Termini betitelten Texte. Sobald nun die ichthyologisch unbedarfte Leserin erfährt, dass es sich bei hippocampus erectus um ein Seepferdchen, bei cyanea capillata um die Feuerqualle, bei photoblepharon palpebratus um einen Laternenfisch handelt, beginnt sie auf den folgenden Seiten wiederum die Sektion „INHALT | GLOSSAR“ aufzusuchen, um für den Rest der Lektüre diese hin- und herspringende Lesebewegung beizubehalten. 

Auch in Stop zwingt Ranga die Leserin zum Wiederlesen und Wiederbedenken der Gedichte, indem sie – einfach wie wirkungsvoll – die Titel (wenn man sie denn so nennen will) den Texten hintanstellt – wie eine Signatur oder eine nachträgliche Injektion, die (zumindest bei der Rezensentin) eine instantane Relektürereaktion auslöst, etwa wenn ein Gedicht unterschrieben ist mit „paff“ (S. 17), „aus der verborgenen Kammer“ (S. 11) oder „‚Ich akzeptiere.‘ (Sisyphos)“. (S. 52) 

Albert Camus forderte 1942, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das ist wahrhaftig kein einfaches Gedankenspiel; es war es nicht 1942, und es ist es nicht Ende 2023. Gleichwohl ist der aus der Einsicht in das Absurde geronnene Gedanke womöglich haltbar: Freiheit kann darin liegen, die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns zu akzeptieren. 

Wann aber – darauf geben weder Camus noch der Mythos Antworten – macht Sisyphos Pausen? Was sind diese Pausen, was geschieht in ihnen? 

Hier setzt Ranga an, mit Zärtlichkeit und Genauigkeit, mit untrüglichem Gespür für die (Atem- und Reflexions-)Pausen, die Ausnahmesituationen, für das zeitweilige Aufbrechen oder Aussetzen der Sinnlosigkeit – oder für Geschehen, die sich durch ihre Härte quer zum Ewiggleichen stellen. „Ich akzeptiere“, sagt Rangas Sisyphos, und vielleicht kann er so den Steinbrocken heimlich zum Verschwinden bringen. Nicht Anklage (wie bei Zola), nicht Verweigerung sind mithin von Sisyphos zu lernen, sondern die Akzeptanz des Widrigen. Und die bodenlose Hoffnung, es – sei es in der poetischen Imagination – zu überwinden. „Und ich / kann mir etwas anderes auf den Rücken packen: Die / Freiheit, den Rettungsring, den ich schon so oft zum / Flicken gebracht habe.“ (S. 52) 

Ist es hier die Reflexion des Sisyphos, die das Gedicht als Reflexionsinstanz organisiert, ist es in anderen Gedichten ein Ich, das Spuren liest, wartet und sich nicht beklagt, das einen Schritt vor macht und zwei zurück, um unerkannt durchzugehen (S. 36), das sich selbst Mutter und Vater ist, Geliebte und Liebhaber, Muse und Mentor. (S. 29) Ein Ich mithin, das vermittels der Sprache selbst Gestalt annimmt, das „für die Parkgebühren aufkommt, / die Bettwäsche bezahlt, die Fehltritte, den Zement / und die Ziegel“ – und das auch „das Schreibpapier bezahlen / wird, und jedes andere Papier, die Resignation, die / Geschenke, Flüche, die Zahlungsrückstände“. (aus tiefen Taschen, S. 27) 

Wenn dieses Ich nicht zugegen ist, überlässt es die privilegierte Zentralposition anderen Figuren, versehrten Menschen, verunsicherten Menschen. Oft wird das Ich zum Camera Eye, zur Beobachtungsinstanz – oder zum Nebendarsteller und Chronisten einer poetisch-narrativen Miniatur, die – allerspätestens – mit dem nachgestellten Titel zu leuchten beginnt: „Ich kannte ihn nicht. Er stand, selbst auch etwas / beengt, im Gang des überfüllten Zugs neben mir. / Ich hatte einen Apfelstummel in der Hand und wusste / nicht, wohin damit. Er streckte die Hand aus und / nahm ihn ohne Zögern. Dann begann er, sich einen / Weg zum Ausgang zu bahnen. Kurz darauf stieg / er aus. / Ein Botschafter“. (S. 13) 

Stop ist ein reicher Band, welthaltig, möchte man sagen, wenn der Ausdruck nicht längst weltentleert wäre.1 In ihm wird gestorben, gestürzt und gebissen; es werden Türen aufgebrochen und Großmütter geschubst, es wird gelitten, geliebt und verraten. 

Reich ist auch die Vielfalt der Töne der Gedichte, die mal einen Dialog aufzeichnen, mal einen inneren Monolog transkribieren, mal wie ein Werbespot klingen, mal narrativ, ohne das Poetische zu eskamotieren, mal sentenziös, ohne belehrend zu sein: „Arm ist ein Mensch, der nicht fragt. Unglücklich ist / ein Mensch, der nicht nein sagt. Verbittert ist ein / Mensch, der nicht weiß, warum“. (S. 28) 

Die subkutan rhythmisierten Prosagedichte können die Form einer E-Mail annehmen oder den Duktus konzentrierter Reflexion; sie können Erinnerungen auflesen – zwischen „Vateridee“ und „Muttergeruch“ (S. 14f.) – oder dokumentarisch Gegenwärtiges aufnehmen, sei es (und hier zeigt sich der Blick der Dokumentarfilmerin ebenso wie die Wucht und Haltbarkeit der Gedichte) der Gegenwart des Jahres 2003 oder 2023: „Heute ist Donnerstag, der sechste März / zweitausenddrei, neunzehn Uhr dreißig. Ich sitze / an einem Caféhaustisch und warte. Überall wird / über den Krieg gesprochen, in den Zeitungen, im / Fernsehen. Mein Magen tut weh, und es geht mich / nichts an. Ich fürchte mich vor der Hilflosigkeit der / Wörter, des Bleistifts und des Auges, das lesen muß“. (Vor einer Stunde, S. 8) 

Um diesen Reichtum aufzuheben, braucht es: den Übersetzer als Glücksfall. 

Wem – wie der Rezensentin – die Beurteilung des Originals verwehrt bleibt, dem werden das gewaltige, nuancierte Lexikon, die Sprachlust und poetische Feinfühligkeit Ernest Wichners Lichter aufstecken, sei es mit brillanten Wortfügungen wie dem „Verzeihensapparat“ (S. 22) oder mit virtuosen Annoncen wie der folgenden: „Ein Abend im Paradies zum Preis eines Mittagsmenüs! / Der Aperitif gratis! Consommé aus Anforderungen, / Prinzipienkeulen aus dem Kessel, Garnituren aus / Wagnissen und Koinzidenzen, flambierte Früchte aus / dem Garten der Zergrübelungen“. (Jetzt, S. 21) 

Dana Ranga rückwärts lesen, wiederlesen – diese Freude sei all jenen ans Herz gelegt, die schon die anderen Bände – oder das Original Stop. Din pauzele lui Sisif (Cluj 2005) kennen. Alle anderen sind eingeladen ins Archiv der Abertausenden Bilder, das ein idealer Ausgangspunkt für eine Lesereise mit der poetischen Grenzgängerin Dana Ranga ist. 

Von Maren Jäger

Weitere Beiträge zu diesen Themen

Text

Czernowitz im Frühjahr 2024 – Ein Stimmungsbild

von Tobias Arand
Text

Wie ein Altarbild aus Tetschen nach Bayern...

von Zuzana Jürgens
Text

Namen in Klammern. Wie gibt man Ortsnamen...

von Anna Paap