• Wer bin ich?
  • Mit welchen Menschen umgebe ich mich?
  • Wie präsentiere ich mich?
  • Wie möchte ich wahrgenommen werden?
  • Was ist mein Ziel?
  • Aber eben auch: Woher komme ich?

Sprache verrät uns also auch etwas über die Herkunft des Sprechers. Zum Beispiel weist

  • ein Dialekt auf unsere Herkunftsregion hin,
  • ein Soziolekt auf unser soziales Umfeld
  • ein fremder Akzent auf das Herkunftsland.

Daraufhin fragen wir uns oft: Was ist die Geschichte hinter diesem Menschen? Deshalb erzähle ich euch die meine. Denn man ‚hört‘ mir meine Muttersprache nicht an, was faszinierend und kompliziert gleichzeitig ist. Umso wichtiger darüber aufzuklären: Wie ist es mehrsprachig zu sein? Und wie prägt die Mehrsprachigkeit die eigene Identität?

Sprachentrennung bei mehrsprachigen Jugendlichen

Zuerst die Frage, welchen Stellenwert Sprache in der Gesellschaft einnimmt. Denn bei mir kam die Erkenntnis erst spät, dass auch Mehrsprachigkeit ganz normal sein kann. Damit meine ich typische ‚Fehler‘, die zu lustigen Situationen führten:

Ich verbrachte regelmäßig meine Sommerferien in Tschechien bei meiner Familie. Als ich am Schuljahresanfang in die deutsche Schule zurückkam, erzählte ich meinen Freundinnen begeistert über meine Erlebnisse. Plötzlich wurde ich nach wenigen Sätzen unterbrochen, weil mich niemand von ihnen verstanden hat. Das Problem: Ich erzählte alles auf Tschechisch, weil ich noch nicht auf Deutsch ‚umgestellt‘ war. Da fing ich mit dem Erzählen schließlich wieder von vorne an. Im Nachhinein lache ich darüber, aber als Jugendliche schämte ich mich dafür.

Im Nachhinein handelt es sich um einen symbolischen Moment, der mein jüngeres Ich zum Nachdenken über Sprache anregte. Letztlich bleibt dies eine Situation, an die ich mich lebenslang erinnern werde – vermutlich im Gegensatz zu allen anderen Beteiligten. Aus solchen Erfahrungen folgte damals mein fester Entschluss: Eine strikte Trennung der Sprachen zwischen Zuhause und Schule ist notwendig. Andernfalls wäre mein Teenager-Ich am liebsten im Erdboden versunken.

Vokabelheft der Autorin (Archiv Lenka Hošová)

Prestigeproblem der Herkunftssprachen

Dazu werde ich die Umstände der Mehrsprachigen in Deutschland ansprechen müssen. Denn einerseits handelt es sich um ein Einwanderungsland, aber andererseits wird dieser Fakt von der Politik jahrzehntelang vernachlässigt. Die Folge für Immigranten mehrere Generationen und unterschiedlichster Herkünfte ist fehlende Repräsentation. Das führt dazu, dass Migranten unter sich bleiben, um in ihrer Sprache zu sprechen. Aber auch, dass Migrantenkinder ihre Muttersprache allmählich vernachlässigen. Oder eben, dass die Muttersprache mühsam Zuhause gelernt wird, zusätzlich zum schulischen Lernstoff – vorausgesetzt die Eltern haben dafür Zeit.

Das stellt einen Kontrast dar zur Frage: Wie passt dieses Bild in die globalisierte und digitalisierte Gesellschaft? Denn Fremdsprachenkenntnisse sind in jedem Beruf erwünscht. Denn der allgemeine Schwerpunkt liegt in der Gesellschaft auf wirtschaftlich interessanten Sprachen. Diese werden regulär an Schulen unterrichtet, wie z. B. Englisch, Französisch, Spanisch. Oder auch auf Sprachen, die eine berufliche Perspektive eröffnen, wie z. B. Latein, um Arzt zu werden. Dieser Fokus lässt jedoch viele Herkunftssprachen außen vor.

Die Herkunftssprache kann sich aber von den wirtschaftlich erwünschten Sprachen unterscheiden. Damit dieses wertvolle Gut nicht verloren geht, ist es wichtig gegenzusteuern. Aber welche Möglichkeiten gibt es dazu? Und welche Vorteile bringen ‚andere Sprachkenntnisse‘ mit sich? Glücklicherweise gibt es inzwischen Intiativen, die mehrsprachige Kinder unterstützen – wie z. B. die ‚Schule ohne Grenzen‘ in Großstädten. Dort besuchen die Kinder immer samstags eine Schule in ihrer Herkunftssprache, die bestenfalls ergänzend zum regulären Unterricht erfolgt. Leider ist das erneut ein Aufwand für die Eltern, die teilweise lange Fahrwege auf sich nehmen müssen.

Verbundeheit der Sprache zur Kultur

Erst an der Uni wurde mir bewusst, dass Einsprachigkeit nur eine künstlich hergestellte Norm ist. Mehrsprachigkeit ist also keine Ausnahme, aber warum scheint die Realität anders zu sein? Fakt ist, dass ich mich mit dem Erwerb einer neuen Fremdsprache auch deren Kultur annehme. Das ist eine natürliche Entwicklung. Interessant wird es, wenn ich die Sprache meiner Umgebung höherstelle als meine Herkunftssprache. Denn einerseits möchte ich in der Gesellschaft akzeptiert werden und damit möglichst schnell und fehlerfrei die neue Sprache lernen. Andererseits gibt es mir zu denken, wie wichtig meine Herkunftssprache überhaupt ist.

Hier gelangen wir an den entscheidenden Punkt: Sprache ist immer mit Kultur verbunden. Es sind zwei Teile, die einzeln nicht richtig funktionieren. Damit ich mich aktiv in der Gesellschaft beteiligen kann, brauche ich also gute Deutschkenntnisse. Genauso wie gute Tschechisch-Kenntnisse, um Traditionen und Bräuche aufrechtzuerhalten. Dadurch entstehen bei mehrsprachigen Personen besondere Situationen, in denen sie sich meist für eine der Kulturen entscheiden müssen.

Vokabelheft der Autorin (Archiv Lenka Hošová)

Diese Umstände werden am Beispiel eines Weihnachtsessens dargestellt. Meine tschechische Familie isst traditionell zu Weihnachten Karpfen, aber die bayrische Familie meines Freundes dagegen Würste. Hierbei ist es im Gegensatz zu Spachen möglich, den einfacheren Weg zu gehen und beide Gerichte anzubieten. Eine zweite Möglichkeit wäre, sich nur für eines davon zu entscheiden. Die dritte Möglichkeit ist abwechselnd beide Gerichte anzubieten. Bei den Sprachen verhält es sich ähnlich, außer beide Sprachen gleichzeitig zu sprechen. Dennoch passiert dies manchmal und nent sich ‚Code-Switching‘, wenn ich auf Deutsch spreche und Tschechische Wörter oder Phrasen einbaue. Schlließlich stellt sich demnach die Frage: Nutze ich durchgehend nur eine Sprache oder wechsle ich zwischen meinen Sprachen hin und her? Diese Entscheidung trifft jeder individuell.

Kolik jazyků umíš, tolikrát jsi člověkem“ – altes tschechisches Sprichwort

Dieses alte tschechische Sprichwort symbolisiert für mich das Ideal mehrsprachig aufzuwachsen: ‚So viele Sprachen du kannst, so oft bist du Mensch.‚ Denn in unserer global vernetzten Welt ist Mehrsprachigkeit erstrebenswert. Mehr noch: Mehrsprachig aufzuwachsen gilt als ein Privileg. Dieses Bild vermittelt uns zumindest unsere Gesellschaft. Ebenso wie die zahlreichen Angebote von Kindergärten und Schulen, die mehrsprachige Erziehung versprechen. Dabei steht stets die Wirtschaft und ihre Kraft im Vordergrund. Wer also viele der ‚Weltsprachen‘ beherrscht, besitzt einen Vorteil in der Arbeitswelt, kann sich besser vermarkten, glänzt bei Vorstellungsgesprächen.

Wie wertvoll ist die Sprachenvielfalt?

Viele Herkunftssprachen lassen sich eher ‚kleineren‘ Sprachen zuordnen, die weniger Sprecher hat, als die Sprache der Umgebung. Sprachenvielfalt bedeutet aber auch: Wir können das große Hindernis des Anderssein überwinden, indem wir eine Fremdsprache erlernen. Dennoch werden kleinere Sprachen verdrängt, als unwichtig oder als Nische angesehen. Trotzdem bleibt die Erkenntnis: Sprachen tragen das Kulturgut einer Gesellschaft in sich. Auch deshalb ist es mühsam eine neue Sprache zu lernen. Denn gleichzeitig beeinflusst unsere Herkunftssprache auch jede neu gelernte Sprache. An meinem Beispiel: Im Tschechischen gibt es keine Artikel wie im Deutschen – ‚der, die, das‘. Deshalb musste ich zuerst das System dahinter verstehen, was einen zusätzlichen Schritt beim Lernen erforderte. Trotz aller Hindernisse beim Sprachenlernen wird mir bewusst, dass ich mir dadurch auch andere Denkweisen aneigne und mehr Offenheit zeige.

Zusätzlich beeinflussen unsere Sprachen auch unsere Wahrnehmung der Welt. In der Wissenschaft spezialisiert sich die Psycholinguistik auf dieses Phänomen: Wie beeinflusst Sprache unser Denken? Hierbei unterscheiden wir Sprachen hinsichtlich ihres Bezuges zum Sprecher. Wenn ich jemandem den Weg zum Bahnhof erkläre, beziehe ich mich im Deutschen automatisch auf mich selbst. Mein Ausgangspunkt bin ich und der Ort, an dem ich mich befinde: „Gehen Sie 500m geradeaus und dann an der nächsten Kreuzung nach links.“ Klingt logisch. Aber was wäre, wenn ich stattdessen eine Himmelsrichtung benutze: „Gehen Sie 700m nach Nordwesten.“ Wer von euch würde da den Bahnhof finden?

Das Erlernen einer Fremdsprache bietet uns die Möglichkeit, um sich Fremdes vertraut zu machen. Durch den Lernprozess versuchen wir die Sprache von innen zu betrachten und zu verstehen. Das ist ein wichtiger Schritt zur Unterscheidung von ‚fremd‘ und ‚anders‘. Schließlich ist eine neue Fremdsprache nachdem ich sie beherrsche nicht mehr fremd. Dennoch bin ich mir bewusst, dass sie anders funktioniert und aufgebaut ist.

Sprachmischung und Zugehörigkeit

Neben der Wahrnehmung der Welt steht auch das eigene Ich im Vordergrund. Da ich mich auch über meine Sprachen definiere, bieten sie mir eine Möglichkeit mich selbst zu finden. Wir definieren uns unbewusst durch unsere Sprachen, da sie direkt mit unserer Kultur verknüpft sind. Bei Mehrsprachigen werden untrennbar mehrere Kulturen ‚gemischt‘. Aber die Identitätssuche ist ein sehr persönliches Thema. Für mich sehr wichtig. Denn Identität verändert sich mit der Zeit und jeder neuen Erfahrung – wird aber von jedem persönlich entschieden. In meinem Fall kamen solche Fragen auf:

  • Bin ich deutsch, da ich die Sprache sehr gut beherrsche?
  • Verstecke ich meine Herkunft, wenn man keinen Akzent hört?
  • Was bedeutet Integration und in welchem Umfang ist sie sinnvoll?
  • Welche Bedeutung haben bestimmte Traditionen und meine Herkunft für mich?
  • Wie stelle ich ein Gleichgewicht dieser Kulturen her?

Mein Fazit: Sprache ist zwar ein Abbild eines jeden Individuums, aber auch der Gesellschaft. Sobald ich mich mit mehreren Sprachen identifiziere, überdenke ich meine kulturelle Zugehörigkeit. Es ist schwierig und dauert, bis man eine eigene Struktur der Persönlichkeit entwickelt. Jedoch möchte ich euch ans Herz legen, dass es in jedem Fall lohnenswert ist – unsere Herkunft hilft uns, sich selbst zu finden.

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