László Végel: Balkanschönheit oder Schlemihls Bastard. Aus dem Ungarischen von Christina Kunze. Klagenfurt: Wieser Verlag 2023. 386 S. 

Der Schlemihl, um den es hier geht, hat kein Problem mit sich selbst und seiner Lebensführung. Sein Großvater, der Vater seiner Mutter Erika, ist seine „ganze Familie“. (S. 357) Wie für seinen Großvater ist für den vaterlos aufwachsenden Schlemihl Heimat dort, „wo man sein Werkzeug aufbewahrt“. (S. 48) Unprätentiös ist er auch im Umgang mit seinem Schatten: Er könnte sich eigentlich wie sein Großvater „sehr viele Schatten“ (S. 252) leisten. Was ihn von Zeit zu Zeit beunruhigt, ist die Schreibweise seines Namens. Was ist korrekt: Ferenc Slemil, Franz Schlemihl oder Franjo Šlemil? War es etwa klug von seinem Großvater, sich nicht festlegen zu wollen und auf das Changieren zwischen Johann Schlemihl – János Slemil – Jovan Šlemil zu setzen? 

Der Schöpfer dieses Einzelgängers auf der Suche nach seiner Identität ist László Végel. Der aus der Vojvodina stammende, ungarische Schriftsteller machte die Stadt, in der er lebt, durch seine Schriften berühmt. 2022 wurde der Ort Kulturhauptstadt Europas und war in aller Munde: Neoplanta – Novi Sad – Újvidék – Neusatz. Wie sein Romanprotagonist versteht sich Végel als Beobachter und Chronist seiner Stadt, der das 20. Jahrhundert massive historische Verschiebungen und Verheerungen bescherte. In der 2022 erschienenen Kleinen Stadtgeschichte Neusatz/Novi Sad von Ágnes Ózer hob Végel die Bedeutung der vielen Ortsnamen hervor, denn nur so könne man die Geschichte dieser Region verstehen: „Auch die Zmajstraße hatte ebenso wie die anderen Straßen ihre Existenz als mehrsprachige begonnen. […] Zwischen 1918 und 1941 allerdings war daraus eine I. Petar Karadordević Straße geworden. In der ‚ungarischen Periode‘ aber, zwischen 1941 und 1944, war sie für kurze Zeit in Mussolini utca umgetauft worden. Schon möglich, dass sie für ein paar Monate den Namen I. Petar Karadordević zurückbekam. Doch alsbald wurden sich die Stadtväter dessen bewusst, dass das Königreich nicht wieder herzustellen, dass also bei der Taufe ein Fehler geschehen sei. Schnell vergaßen sie den Namen des Königs, und in einer einzigen Nacht wurde aus der königstreuen eine kommunistische Straße. Damit hatte sie den Namen von Marschall Tito verdient. Später erhielt Marschall Tito eine sehenswürdigere Avenue zugewiesen. Deshalb wurde infolge der berechtigten Verehrung eines großen Dichters aus der Titostraße eine Zmaj Jovana Straße.“1 

In seinem jüngst erschienenen Roman bringt Végel die historischen Mutationen und Permutationen genauso spielerisch auf den Punkt: Straßennamen werden den jeweiligen Epochen angepasst und Menschen gehen notgedrungen gelassen mit ihren eigenen Namen um – Moral hin, Überzeugung her. Hauptsache, man überlebt. Das will der Großvater, das will sein Enkel. Beide wollen in ihrer Stadt in Ruhe leben und ihrem Beruf nachgehen. Handwerklich sind sie geschickt. Warum sollten sie nicht mal königlich-serbische, mal ungarische, mal sozialistische AVNOJ-Wappen anfertigen, wenn ihnen diese anspruchsvollen Schmiedekunstarbeiten ein sicheres Zubrot gewähren? 

Doch fangen wir von vorn an: Spielwiese ist die Terrasse des „Luxor“ (S. 7) an der schönen blauen Donau, wo Franjo, der Ich-Erzähler, mit Vorliebe sitzt, da das Luxushotel zwei Schritte von seiner Wohnung entfernt liegt. Wie die Namen in dieser Gegend wechselt auch das Hotel dauernd seinen Besitzer. Nach dem Krieg, gemeint ist der letzte, jener aus den 1990er-Jahren, ist wieder ein „Kriegsgewinnler“ (S. 8) „zur rechten Zeit am rechten Ort“ (S. 8) und macht daraus „ein nagelneues Objekt“. (S. 9) Franjo beobachtet, wie die Gäste in Autos mit getönten Scheiben ankommen, und hört, wie sie unisono von der „neuen Welt“ (S. 9) schwärmen. Er selbst vergleicht „die sogenannte neue Welt“ (S. 9) mit „einem gut gehenden Bordell“. (S. 9) Als „Treffpunkt der Patrioten“ (S. 9) soll das Luxor statt des sozialistischen wieder königlich serbisches Wappen tragen – und dieses gibt der neue Eigentümer selbstverständlich bei dem „geschätzten Universalhandwerker“ (S. 11) in Auftrag. Bordell hin oder her – Franjo, praktisch veranlagt wie sein Großvater, langweilt keinen Auftraggeber mit seiner Meinung, sondern macht sich fleißig ans Werk. 

Nebst seinem handwerklichen Geschick frönt Franjo einer weiteren Leidenschaft: dem Erzählen. Auf der Hotelterrasse sitzend, „mit Argusaugen, wie ein Spürhund“ (S. 14) filtert er aus der Menge der Gäste jene Opfer heraus, denen er die Geschichte seines Großvaters erzählt. Eines Tages widerfährt ihm das seltene Glück, dass eine bezaubernde Frau von sich aus auf ihn zukommt, um sich seine Geschichte anzuhören. „Eine solche weltgewandte Dame sollte auf das eigentümliche Schicksal meines Großvaters neugierig sein?“ (S. 31), fragt sich Franjo misstrauisch, schließlich ranken sich um Laura Rottenbiller, so der Name der Frau, zig Gerüchte: Sie sei die Geliebte eines Generals aus der kommunistischen Zeit, sie besitze für die aktuelle Regierung kompromittierendes Material, sie sei weder Zimmermädchen noch Sängerin, sondern die eigentliche Inhaberin des Hotels und vieles mehr. Doch Laura weiß ihn zu beschwichtigen, sie habe keine Hintergedanken im Unterschied zum listigen Hotelinhaber, der es nur auf Franjos Grundstück abgesehen habe. Franjo nimmt „jedes Quäntchen Mut zusammen“ (S. 32) und erzählt ihr die Geschichte seines Großvaters – das sind gut über zweihundert Buchseiten, die sich spannender lesen als ein Krimi. Auf den letzten Buchseiten taucht eine weitere begnadete Storytellerin auf, die ein mindestens so großes Bedürfnis hat, ihre Familiengeschichte zu erzählen: Olga, Tochter eines gescheiterten Kunststudenten, der die Balkanschönheit Ivana Perišić in Wien kennengelernt hatte, sie jedoch leider nicht auf die Leinwand bringen konnte – das tat eine andere Wiener Künstlerin. Über die Maßen verzweifelt brach er sein Wiener Kunststudium ab und schloss sich den Partisanen im Kampf gegen die Nazis an. Der Zuhörer dieses Familienschicksals ist diesmal Franjo und Olgas Geschichte füllt die Leerstellen in dem Bericht über seinen Großvater. 

Wäre der Großvater mit seinem Handwerksmeister Egon Schwarz, der den Waisenjungen Johann/János/Jovan als Lehrling aufnahm und ihn wie seinen eigenen Sohn betrachtete, von Neusatz/Újvidék/Novi Sad nach Wien gezogen, wäre dem Enkel Franz/Ferenc/Franjo einiges erspart geblieben. Doch der Großvater blieb – und mit ihm blieben die vielen Fragen, die gestellt, und die vielen Geschichten, die erzählt werden wollen. 

Kurz bevor der Enkel Haus und Hof in Flammen aufgehen lässt und sich als Zuschauer in seines Großvaters Rollstuhl zurückzieht, um das Schauspiel aus der Entfernung zu betrachten, zieht er Bilanz: „In Großvaters vernachlässigter, schmutziger kleiner Küche musste mir klarwerden, dass ich der einzige Erbe des Gemäldes mit der sich räkelnden Balkanschönheit bin. Dies ist mein familiäres Erbe“. (S. 359) Und wie ein Blitz durchfährt ihn die Erkenntnis, „dass das Gemälde keine echte Frau darstellt, sondern ein anderes Leben“. (S. 359) Und diese Sehnsucht verbindet die Protagonisten des großen Erzählmeisters aus der Vojvodina, László Végel. Ihnen gelingt es, zu überleben. Doch wo bleibt das Leben? 

Auf der letzten Seite von Végels Roman wendet sich Olga an den Taugenichts Franjo: „Bitte erzähle, erzähle mir von deinem Großvater“ (S. 368) – und so befinden wir uns wieder auf der Terrasse des Luxor und die Geschichte fängt von vorne an. Da capo al fine. Das Leben in einer gebeutelten Region am Rande Europas ist der Stoff, aus dem Végels Prosa schöpft. Und es scheint, als würden sich diese Geschichten wiederholen, denn aus der Historie lernt keiner. 

Von Ingeborg Szöllösi

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