Zwei Frauen – zwei Leben – eine Welt | Betty Boras: Das schönste aller Leben | Besprechung
von IKGS München
Dies ist eine Geschichte über Frauen, über Bande zwischen Müttern und Töchtern, über (männliche) Ansprüche, die über Generationen, Jahrhunderte und Ländergrenzen hinweg nichts von ihrer Dringlichkeit verlieren: Ansprüche an Schönheit, Angepasstheit, Erfolg, Funktionalität als (weiblicher) Mensch unter anderen Menschen, Perfektionismus in allen Lebenslagen.
10. Juni 2026Betty Boras: Das schönste aller Leben. Roman. München: hanserblau 2026. 240 S.
Betty Boras zeigt mit ihrem Debütroman, dass Frauen – ganz egal, an welchem Ort, in welcher Zeit sie leben – an ihrem Äußeren gemessen wurden und werden, dass „das schönste aller Leben“ (S. 210) nur stattfinden kann, wenn „frau“ schön genug ist, dass Schönheit aber auch ein Makel sein kann, so paradox das klingen mag. Anhand der Lebensläufe von Viola und Theresia, die Boras parallel in alternierenden Kapiteln erzählt, wird deutlich, dass 250 trennende Jahre kaum Bedeutung haben, wenn es um das Leben und die Bewertung von Frauen geht.
Vio siedelt Anfang der 1990er-Jahre als Kind mit ihrer Familie aus dem rumänischen Banat nach Deutschland aus, in das Land ihrer Vorfahren, „damit sie eine Zukunft hatten, eine Zukunft als Deutsche“. (S. 85) Diese von den Erwachsenen herbeigesehnte existenzielle Veränderung stürzt Vio in eine lang andauernde Identitätskrise, denn: „In Deutschland wurde dann erst mal alles viel schlimmer, als Vio es sich ausgemalt hatte“. (S. 35) Nicht nur fehlt ihr die vertraute Umgebung ihres Heimatortes Glogowatz, fehlen ihr das Haus und der Garten der Großeltern, ihre Spielsachen und Kameraden, „sondern das Gefühl, keine Fremde mehr zu sein“. (S. 38) Die Aussiedler aus dem Banat, die sich in Rumänien selbstverständlich als Deutsche gefühlt haben, sind in der Bundesrepublik gar nicht mehr so deutsch, werden gar als Rumänen wahrgenommen, was sie durch schnellstmögliche Anpassung wettzumachen versuchen. „Sie spürten den Rückstand zu den Hiesigen und strampelten sich ab, ihn aufzuholen, auch wenn das unmöglich war.“ (S. 68) Der Druck lastet besonders auf Vio. „Vielleicht würde Vio ein deutsches Kind werden wie alle anderen. Vielleicht würde sie es schaffen, den Rückstand aufzuholen. Vio wollte es unbedingt, für sich. Und für ihre Eltern.“ (S. 69) Dieser Anspruch bestimmt ihr Leben so vollständig, dass sie nicht in der Lage ist, eine eigene, gefestigte Identität aufzubauen, und sich fortwährend zerrissen fühlt zwischen der banatschwäbischen Sphäre ihrer Familie und dem deutschen Alltag, in dem sie sich bewegen und in dem sie vor allem bestehen muss. „Es reicht nicht, so gut wie die anderen zu sein. Sie musste besser sein.“ (S. 53) Und obwohl „Vio lernte, sich in beiden Welten zu bewegen“, (S. 83) kann sie diese bis weit in ihr Erwachsenendasein nicht in Einklang miteinander bringen.
Theresia lebt im 18. Jahrhundert als Waisenkind „zu Hause in dem Dorf in der Nähe von Wien“. (S. 20) Von der Familie, in deren Diensten Theresias Mutter bis zu ihrem frühen Tod steht, wird sie „wie das zweite Kind, das ihnen versagt geblieben war“, (S. 47) aufgenommen, und besonders mit der Großmutter, der Besl Nanni, verbindet sie eine innige Beziehung. Dankbar ist sie dafür und weiß doch, dass sie nicht richtig dazugehört. „Die Familie ließ sie selten spüren, dass sie nur die Angenommene war, aber wagte sie es, sich hinter ihrem Altar der Ehrerbietung und Artigkeit hervorzuwagen, wurde sie schnell auf ihren Platz verwiesen.“ (S. 125) Auch im Dorf ist sie eine Außenseiterin: Als unehelich geborenes, angeblich aus einer Affäre ihrer Mutter mit dem Pfarrer hervorgegangenes Mädchen führt sie ein Paria-Dasein; zudem ist sie schlau und schön, was ihr Neid und Missgunst einbringt. Als der junge Diakon Ferdinand seine erste Predigt in der Gemeinde über die Richterin und Prophetin Deborah hält, erlebt Theresia das wie eine Art Erweckung: „Was war das nur für eine Welt, in der Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten?“. (S. 140) Sie verliebt sich in Ferdinand, dem sie „auf Empfehlung des alten Pfarrers“ (S. 158) beim Bibelunterricht für die Kinder hilft, und er sich in sie, aber die heimliche Liebe wird entdeckt, verraten und Theresia vor die Keuschheitskommission gebracht, die sie befragt, untersucht (die Beziehung ist nicht folgenlos geblieben) und deportiert. „Mit dem nächsten Temeswarer Wasserschub, der in Kürze ausstehe, werde sie ins Banat gebracht.“ (S. 203) Und der junge Diakon? Wird lediglich versetzt, was ihn dennoch „voll Bitterkeit“ (S. 187) zurücklässt – „‚Glaubst du, dass ich nichts verliere‘?“ (S. 189) Theresia ist „fassungslos, aber auch wütend“ (S. 189) und erlaubt sich trotzdem, wie Deborah ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Sie widerstand dem Impuls, ihn anzuflehen, sich ihm zu Füßen zu werfen, ihn immer wieder zu bitten.“ (S. 190)
Vio und Theresia treten als personale Erzählerinnen auf, die Kapitel über sie sind jeweils mit ihrem Namen überschrieben. Mit dem Kunstgriff, Vio ebenso als Ich-Erzählerin auftreten zu lassen, und zwar in der Gegenwart, hat Betty Boras die Zerrissenheit ihrer Figur auch formal zum Ausdruck gebracht: Die gegenwärtige, erwachsene Vio ist ein anderer Mensch als die vergangene, kindliche, deren Geschichte folgerichtig im Präteritum erzählt wird, während die Ehefrau und Mutter (und scheinbar angekommene) Vio im Präsens durchs Leben geht; ihre Kapitel heißen „Ich“. Dieses Ich steckt in einer tiefen Depression, gibt sich die Schuld an einem Unfall, der das Aussehen (und damit vorgeblich das Leben) der erst zweijährigen Tochter für immer verändert hat. „Es war am 2. Februar, Mariä Lichtmess, als meine Tage dunkel wurden.“ (S. 60) „Ich wollte in der Zeit zurückreisen, wollte keinen Unfall erlebt haben, keine Geburt. Nicht meine und nicht die meines Kindes, wollte keine Mutter mehr sein, kein Mensch. Ich wollte lauter Dinge, die unmöglich waren. […] Es war am 2. Februar, Mariä Lichtmess, als die Tage länger wurden, während mein Licht gänzlich verschluckt wurde.“ (S. 65) Die Qual dieses Ichs gründet auf einer generationenübergreifenden Tatsache: „Nachdem es lange Zeit die Frauen unserer Familie vereinte, ist Schönheit jetzt eine Leerstelle“, (S. 111) und obwohl die Ich-Vio weiß, „dass Schönheit und Hässlichkeit menschengemachte Konzepte sind“, (S. 111) kann sie sich ohne Schönheit kein gutes Leben für ihre Tochter vorstellen und wird von ihrer eingebildeten Schuld daran fast in den Abgrund gerissen. „Ich will raus, aber ich bin Mutter, aus dem Leben kann ich nicht aussteigen.“ (S. 163) Die Mutterschaft ist identitätsstiftend für Vio, die „noch nie eine besonders starke Verbindung zu meiner Identität, meinem inneren Kern [hatte]“. (S. 152) „Weder Frausein noch Tochtersein, weder Deutsche- noch Banaterinsein – nichts verortete sie so sehr wie das Muttersein. Anstatt eine Heimat zu suchen, wurde sie zu einer Heimat für ihre Tochter.“ (S. 224)
Als Mutterfigur und Ich-Erzählerin lässt Betty Boras auch „Die Banater Erde“ auftreten, die in drei Kapiteln (S. 25f., 99f., 213f.) die Besiedlung des Banats schildert und gleich einem griechischen Chor das Romangeschehen kommentiert. Trotz ihrer Kürze von jeweils nur zwei Seiten sind diese Kapitel die Essenz der Frauenfiguren im Roman, stellen den buchstäblichen Boden dar, aus dem sie hervorgegangen sind und der ihr gemeinsamer Verortungs- und Bezugspunkt ist. Die Erde „war keine liebevolle Mutter […], war eine strafende Mutter“, (S. 25) aber: „Ich habe euch gegeben, was ich konnte. Ich habe euren Hunger gestillt, war euch eine Heimat“. (S. 26) Die Siedler aber verlassen die Heimat. „Wir haben in Symbiose gelebt, und jetzt wollt ihr mich aus euch herausschneiden? […] Ich erwarte doch nur etwas Dankbarkeit. Wisst ihr nicht, was ich für euch getan habe?“ (S. 100) Verbittert ist die Erde, aber sie lässt sich niemals ganz ausradieren. „Denn eins habt ihr nicht bedacht, egal, wo ihr hingeht: Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben. […] Wem nützt das Gegangensein? Euch sicher nicht.“ (S. 213f.)
Neben der „Banater Erde“, also der Herkunft, verknüpfen viele weitere Bezüge die Frauen miteinander: Der (gesponnene) „Faden, in den alles [Wissen] eingearbeitet wurde“ (S. 70) und der von Theresia bis zu Vio und ihrer Tochter reicht, taucht als solcher ebenso immer wieder im Roman auf wie eine kleine, über Generationen weitergegebene geschnitzte Palme, ein Lindenbaum, dessen Blüten für Tee (und damit für Wohlbefinden) verwendet werden, und die „krummen Rücken“ (S. 100) der ersten Siedler, die in Vios Teenagerjahren als „das Krumme […] in Vios Wirbelsäule“ (S. 85) zurückkehren und sie zum Tragen eines Korsetts verdammen. Das alles ist mit Bedeutung aufgeladen, genauso wie die „Vergebungskette, wie ein seltenes Erbstück, das weitergereicht wird und die Generationen verbindet“ (S. 50) – überall sind (Ver)Bindungen, Verflechtungen, reale und metaphorische Fäden, mit denen Betty Boras die Frauen in ihrem Roman über Jahrhunderte und Generationen hinweg erzählerisch aneinander schmiedet.
Das Debüt der 1984 in Arad geborenen Autorin ist voller Schmerz – und darum schwer zu ertragen. Es ist aber auch voller Hoffnung – und darum wunderbar zu lesen. Aus jahrhundertealtem Leid entsteht immer wieder neues Leben, wächst ein Familienbaum, dessen Äste sich von der Urahnin Theresia bis zu Sophie, Vios Tochter, deren Name erst spät im Buch genannt wird, strecken. „Vio hatte den Namen aus demselben Grund gewollt, aus dem sie begonnen hatte Philosophie zu studieren. Sie wünschte sich und ihrer Tochter Einblick in das Wesen der Welt.“ (S. 223) Nichts weniger bietet Betty Boras‘ eindrucksvoller Roman.
Doris Roth