Tatiana Ţîbuleac: Der Garten aus Glas. Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2023. 269 S. | Besprechung

Tatiana Țîbuleac debütiert 2014 in der Kischinauer Editura Urma Ta mit dem Kurzprosaband Fabule moderne [Moderne Fabeln], der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Im Cartier Verlag erschien 2017 ihr erster Roman Vara în care mama a avut ochii verzi, der 2021 unter dem Titel Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte ins Deutsche übertragen wurde. Bereits ein Jahr später erschien ihr 2019 mit dem Preis für Literatur der Europäischen Union ausgezeichnete zweite Roman Grădina de sticlă. 2023 wurde er auf Deutsch in der hervorragenden Übersetzung von Ernest Wichner von Schöffling & Co. mit dem Titel Der Garten aus Glas herausgebracht. Der Roman wurde inzwischen auch ins Französische, Spanische, Bulgarische, Katalanische, Kroatische, Ungarische, Polnische, Niederländische und Albanische übersetzt. 

In 166 nummerierten, nicht betitelten und äußerst kurzen Kapiteln lässt Țîbuleac die Protagonistin Lastotschka, was auf Russisch Schwalbe bedeutet, ihre Geschichte aus eigener Perspektive erzählen. Der Roman kommt fast ohne Dialoge aus, was ihn wie einen Bericht erscheinen lässt, einen unsentimentalen Bericht, gehalten zuweilen in einer poetischen Sprache, über das Leben von Lastotschka und über die sich im Umbruch befindliche sowjetische Moldau in den 1980er- und 1990er-Jahren. 

Lastotschka wird im Alter von sieben Jahren aus dem Waisenhaus, das im Original und in der Übersetzung beschönigend als „Internat“ bezeichnet wird, von Tamara Pawlowna, einer Flaschensammlerin in Kischinau, „adoptiert“ – oder vielmehr gekauft. Diese Adoption erfolgt nicht aus mütterlichen Gefühlen oder aus Nächstenliebe, sondern Tamara Pawlowna benötigt eine Helferin beim Flaschensammeln. Und so behandelt sie Lastotschka auch: nicht wie eine Tochter, sondern wie eine Untergebene, die sie beim Flaschensammeln sofort zu unterstützen hat. Das Verhältnis der beiden ist nicht liebevoll, es herrscht ein ruppiger Umgangston. 

Die Handlung des Romans beginnt in den 1980er-Jahren, als sich in der sowjetischen Moldau vieles zu ändern beginnt, auch hinsichtlich der Sprache: Russisch, Moldauisch, Rumänisch. Lastotschka wird von Tamara Pawlowna gezwungen Russisch zu lernen, denn „[w]er in Chișinău kein Russisch sprach, hatte es schwer. Mit Moldauisch kam man vielleicht auf dem Markt durch. An den vornehmen Orten jedoch sprach man Na tschelewetschkeskom jasyke – die Sprache der Menschen“. (S. 55) Und das in einer eigenwilligen, pädagogisch eher fragwürdigen Methode, die bezeichnend für den rauen Umgang miteinander ist: „An jedem Tag hatte ich sieben Wörter zu lernen. Keine zehn, aber auch keine fünf, und ich hatte sie richtig zu lernen. Wenn ich einen Fehler machte, und ich machte ständig Fehler, bog sie ihren Zeigefinger zu einem Dreieck und schlug mir damit auf die Stirn. Ihre brauenlosen Augen drehten sich wie Kreisel vor Wut, und mir war danach, mich selbst zu züchtigen“. (S. 17) 

Gewalttätigkeit durchzieht den ganzen Roman. Bereits im Waisenhaus ist Lastotschka Gewalt ausgesetzt. Ein Pädophiler zwingt sie, wie auch die anderen Mädchen, sich zwischen Folter oder Vergewaltigung zu entscheiden. Sie wählt die Folter. Zurückbleiben werden nicht nur die Narben der auf ihrem Körper ausgedrückten Zigaretten. Traumatisch für Lastotschka ist nicht nur die traurige Kindheit im Waisenhaus, sondern auch die Frage, warum sie ihre leiblichen Eltern verlassen haben, sowie ihre problematische Beziehung zur Adoptivmutter, für die Glück gleichbedeutend mit Geld ist. 

Lastotschka wächst in Kischinau zwischen schmutzigen Flaschen in einem Hof einer Plattenbausiedlung auf, in dem Moldauer, Russen und Juden miteinander recht harmonisch ihre Zeit verbringen, wenn sie auch nicht viel vom Glück und von der Freude des Lebens erhaschen können. Țîbuleac entwirft hier komplexe Charaktere von großer Vielfalt. Die Frauen des Hofes, die bei allen erlebten Grausamkeiten neidisch und giftig sein können, prägen Lastotschka stark. Die wie nebenbei erzählten Frauenschicksale zeigen eine patriarchalische Gesellschaft, in der diese Frauen versuchen zu überleben. Für Lastotschka bleibt diese Hoflebensgemeinschaft ihr ganzes Leben lang ein wichtiger Bezugspunkt. 

Im Zuge von Gorbatschows Perestroika- und Glasnost-Politik formiert sich in den 1980er-Jahren auch in der sowjetischen Moldau eine Nationalbewegung, die ebenfalls in die kleine Hoflebensgemeinschaft von Lastotschka eindringt. Mit der Rückbesinnung der Moldauer auf ihre ethnischen Wurzeln, die eigene Sprache und die Verwandtschaft mit den Rumänen und Rumänien kommt es zu Konflikten zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, die das Miteinander vergiften und sogar in kriegerische Auseinandersetzungen um Transnistrien münden. Von diesen Veränderungen, die das Denken der Bevölkerung erheblich beeinflussen, lässt die Autorin Lastotschka schonungslos und unsentimental berichten. 

„Die Kinder aus gescheiterten Familien sagen, die Perestroika sei eine gute Sache. Freiheit und all das. Dafür meinten diejenigen, die aus Familien stammten, in denen das Denken auf dem zweiten Platz rangierte, oder auf dem dritten oder vierundzwanzigsten – wie bei mir und Tamara Pawlowna –, die Rolle hangabwärts.“ (S. 143) 

„Denn was heißt eigentlich Glasnost? 

Im Trolleybus zu fluchen. 

Der Miliz zu verraten, welcher Nachbar Alkohol verkauft. 

Die Russen nach Hause zu schicken.“ (S. 144) 

Die 1985 einsetzende Anti-Alkohol-Kampagne von Michail Gorbatschow, die den Alkoholkonsum in der Sowjetunion durch politische Maßnahmen einschränken wollte, hat auch Auswirkungen auf das Flaschensammeln in Kischinau. Somit greift diese Kampagne direkt in das Leben von Tamara Pawlowna und Lastotschka ein, denn sie werden nicht nur ihrer Einkommensmöglichkeit beraubt: „Nicht das Geld fehlte ihr – wir hatten immer noch genug für ein gutes Leben –, ihr fehlte das Sammeln. Die Freude, aus nichts ein Vermögen zu machen, die hatte man ihr geraubt“. (S. 140) Tamara Pawlowna verlegt gezwungenermaßen ihren Tätigkeitsbereich und widmet sich dem Schmuggeln von Medikamenten und Drogen zwischen Odessa und Kischinau. Lastotschka hat noch weitere Tragödien zu überstehen wie die Geldreform, den Unfall von Tschernobyl, die Alkoholsucht, körperliche, verbale und psychische Gewalt sowie die Vergewaltigung. Doch selbst am Ziel ihrer Träume als Chefärztin in Bukarest wird ihr klar, dass sie noch lange nicht angekommen ist: „So viele Jahre sind nun vergangen, seitdem ich nach Bukarest gekommen bin, und es hat sich nichts geändert. Immer noch bin ich ‚die Russin‘. Die Sprache und die Angst: Zu dem Preis, zu dem sie mich kaufen, verkaufen sie mich auch“. (S. 165) 

Der Garten aus Glas ist ein Roman über Erziehung und über das Erwachsenwerden in einem sich rasant verändernden Umfeld. Distanziert und kühl werden politische und ökonomische Ereignisse in der sowjetischen und postsowjetischen Moldau dargestellt. Tatiana Țîbuleac versteht es, äußerst subtil die Tragödie einer ganzen Generation zu erzählen, die nicht weiß, wohin sie gehört und wohin sie will. Dabei fordert die Autorin die volle Konzentration des Lesepublikums, denn sie lässt Lastotschka ihre Geschichte nicht geradlinig erzählen, sondern wechselt ständig Zeit und Raum, was das Lesen sehr anspruchsvoll, aber auch spannend macht. 

Von Josef Sallanz

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