Dimitré Dinev: Zeit der Mutigen. Roman. Berlin: Verlag Kein & Aber 2025. 1152 S.

Aber 1152 Seiten, das ist selbst für hartgesottene Leserinnen und Leser viel, und deshalb werden auch noch so interessierte und neugierige Romanfans es sich gut überlegen, ob sie wirklich für Wochen und Monate in Dinevs Erzählkosmos eintauchen sollen. Wenn eine Rezension darauf überhaupt eine Antwort geben darf, dann kann sie in diesem Fall nur lauten: Ja, unbedingt! Denn einem derart grandiosen Erzähler wie Dimitré Dinev wird man so schnell nicht wieder begegnen. Nur Mut!

Inhaltlich geht es in Zeit der Mutigen um die Schicksale von drei Familien aus dem südosteuropäischen Donauraum, die über mehrere Generationen hinweg miteinander verbunden sind. Mit stupender Sprachgewalt, rhetorischer Brillanz, genau durchdachter erzählerischer Präzision und einer gehörigen Prise abgründigen Humors erzählt Dinev von der gerade in Südosteuropa reichlich turbulenten, immer wieder auch brutalen und mörderischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – und verschränkt sie kunstvoll mit der unzerstörbaren Resilienz der menschlichen Seelen. Was macht einen Menschen aus? Wie viel Mut ist nötig, um durch alle Schrecken und Schmerzen hindurch seinen eigenen Weg zu gehen? Wie kann man inmitten von Krieg, Gewalt und Terror Mensch bleiben? Woher nehmen die Akteure ihre Lebensenergie? Was gibt auch in scheinbar ausweglosen Situationen Hoffnung? Und was hat es auf sich mit der elementaren Kraft der Liebe? Große und wichtige Fragen also, die verhandelt werden. Da es nicht möglich ist, die ausufernde Handlung dieses figurenreichen, durch Zeiten und Räume mäandernden Romans in einer Rezension zusammenzufassen, müssen einige Schlaglichter genügen, um einen Eindruck von der elementaren Sprachgewalt des Textes zu vermitteln. Ein paar Beispiele mögen andeuten, was den über 1152 Seiten hinweg faszinierenden balkano-magischen Realismus dieses Buchs ausmacht.

Was „Hoffnung“, „Mut“ oder „Liebe“ genannt wird und was das wohl bedeuten könnte, wird gleich am Anfang zum Thema. Ob es verliebt war in den jungen k.u.k.-Offizier Alois Kozusnik, kann das verzweifelte, von seiner Herrschaft oft ungerecht behandelte Dienstmädchen Eva Nagel nicht genau sagen. „Aber was in dieser Nacht passiert war, war das Außergewöhnlichste, was sie jemals erlebt hatte […] Und da sie sich nicht vorstellen konnte, dass es eine andere Kraft auf der Welt gab, die alles so durcheinanderwirbelte, die alle Gesetze außer Kraft setzte, entschied sie sich, dass es Liebe sein musste.“ (S. 14f.) Es ist die Gewalt der Liebe, die Eva Nagel durch die lieblose Trostlosigkeit und beständige Todesnähe des Ersten Weltkriegs trägt. „Die Jahre vergingen, doch der Krieg dauerte an, denn Zorn, Tod und Wahnsinn waren weder vom Ort abhängig noch von den Jahreszeiten. Sie hoben sie auf und wurden selbst Ort und wurden Zeit.“ (S. 20) Dinevs Romanpersonal lebt, meistens im Einklang mit einer archaischen Natur und im Rhythmus der Jahreszeiten, in der realen und zugleich in einer von Gerüchten, Magie und Aberglauben beseelten Welt, in der es auch mal deftig zugehen darf. Eine Frau schreibt ihrem Mann über die Geburt des gemeinsamen Sohnes: „Zehn Stunden hat es gedauert. Stell Dir vor, du müsstest eine Melone kacken. So hat sich das angefühlt […]“. (S. 116) Der Donaufischer Xaver und seine Mutter Eva leben, während sich der nächste Weltkrieg zusammenbraut, vom „Schweiß ihrer Arbeit, der ihre Körper salzte und auch sie haltbarer machte als jede Erinnerung“. (S. 47) 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, hört man von einer Wunderwaffe, kann dieses Gerücht aber nur schwer glauben. Bei Dinev liest sich das so: „Zwar verstand der Führer viel von Waffen, aber kaum etwas von Wundern. Ein Wunder genügte auch so, und wenn man dafür eine Waffe brauchte, dann war es kein Wunder mehr“. (S. 140) Ein Frühlingstag ist hier nicht einfach ein Frühlingstag, sondern ein Tag, „der so voller wohltuender und süßer Düfte und Gerüche war, dass man glauben konnte, jemand habe vergessen, hinter den eintretenden Seelen die Himmelspforte wieder zuzumachen“. (S. 262)

Dinev zeichnet eine ganze Menge unverwechselbarer Romanfiguren, die in Erinnerung bleiben werden. Etwa die Hirtin Neda und ihren Mann Meto, die den Winter mit ihrer Herde in der Dobrudscha verbringen und es dennoch schaffen, die Hafenstadt Varna zu besuchen. „Sie erreichten den Strand, setzten sich auf den Sand und verstummten. Blau war es in ihren Gedanken und grün und weiß, und jeder versank in seinem eigenen Meer.“ (S. 248) Später, als sie voneinander getrennt leben müssen, schreiben sie sich Briefe, und Neda tut sich schwer damit: „Anfangs gehorchte ihr die Hand nicht, die Hand und die Finger. Gemolken, getragen, geschoren, gezogen, geflochten, gerupft, geknetet, gedrückt, geschnitten, gestochen, geschlagen, geschossen, gestreichelt, gewinkt hatten sie die letzten Jahre, aber nie geschrieben“. (S. 261f.) Man könnte stundenlang weiterzitieren, doch vielleicht machen diese wenigen Sätze bereits klar, wie sich die betörende Sprachkraft und ungewöhnliche Bildmacht dieses Romans immer wieder in einen wirbelnden Sog aus Wörtern verdichten. Mal weht ein bitterkalter Wind und die Donau führt Eis, mal ist es so heiß, „dass sich nicht mal die Vögel zu fliegen trauten“ und nur noch die Fliegen herumkreisen, „wie in kleine Stücke zerrissene Schatten“. (S. 97) Das Leben, so darf man Dinev verstehen, ist ein ständiges Auf und Ab. Das Leben ist im Fluss. Das Leben ist ein Fluss. „Seit Anbeginn der Zeit war er Flut und Fülle, Zeugung und Vermehrung.“ (S. 456) Das menschliche Leben war, ist und wird sein, gestern, heute und in alle Ewigkeit: die Donau.

Die brutalen ersten Jahre der kommunistischen Diktatur in Bulgarien werden in allen Details geschildert, und so ist Zeit der Mutigen nicht nur eine immer wieder hochpoetische Liebeserklärung an die balkanischen Menschen, speziell an die Roma, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur „Lagerliteratur“. Im Lager Belene, „wo nicht mal der Tod eine Erleichterung brachte“ (S. 370), vergeht die Zeit nicht – was vergeht, ist das Leben. „Im Herbst wird der Lagerleiter wegen seines zu weichen, menschlichen Umgangs mit den Insassen abgesetzt. Der Neue ist klein, stämmig und so behaart, dass es aussieht, als lauerte er hinter einem seltsamen schwarzen Strauch. Einer der Anarchisten erkennt in ihm einen Kriminellen, mit dem er in der faschistischen Zeit in dem zentralen Sofioter Gefängnis gesessen hat […] Eine Woche später ist dieser Anarchist tot, erschossen beim Fluchtversuch.“ (S. 322) Der Häftling Barko – auch so eine Romanfigur, die man nicht vergisst – versucht, Widerstand zu leisten und die Roma zu organisieren. „Er hatte recht, aber es war gefährlich, in solchen Zeiten recht zu haben. Das Recht hatte sich in den Menschen zurückgezogen, tief in ihnen schlummerte es und wartete, geweckt zu werden. Denn überall in dem Staat, in den Gerichtssälen und Ämtern herrschte das Unrecht.“ (S. 584) Wie der staatlich geplante Versuch verläuft, die Roma in Bulgarien sesshaft zu machen, welche Rolle Heimtücke, Intrige, Rache und Verrat dabei spielen, schildert Dinev in einer Fülle grotesker, beklemmender und manchmal schier unglaublicher Episoden. Die systematische Repression wirkt das ganze Leben lang nach, selbst wenn die schlimmsten Zeiten des Stalinismus irgendwann ein Ende haben. „Nein, er durfte nicht so viel an das Lager denken, denn sofort begann sein Gift zu wirken.“ (S. 806) Das Einzige, was als Gegengift wirken könnte, ist die Kraft und die Macht der Sprache. „Sie sprachen viel, versuchten, durch ihre Erzählungen an ihr früheres Leben anzuknüpfen, als könnten Worte den Abgrund, den das Lager aufgerissen hatte, zuschütten, als könnten Worte alles Frühere auferstehen lassen. Denn etwas anderes hatte der Mensch nicht zur Verfügung.“ (S. 806) Wenn es keine Erinnerung und folglich keine Sprache dafür gibt, was auch vorkommen kann, dann bleiben die Menschen einander fremd, „denn nur die Erinnerung vermochte die Welt der Lebenden und die Welt der Toten zu vereinen“. (S. 952)

Zeit der Mutigen ist ein wunderbares Beispiel dafür, was der lange Atem eines epischen Erzählers literarisch vermag. Die Romanhandlung bezieht zunehmend wichtige Ereignisse der Zeitgeschichte mit ein, etwa das versuchte Attentat auf den Papst, in das der bulgarische Geheimdienst verwickelt war, und reicht über die sogenannte Wende von 1989/90 hinaus in die Jetztzeit. Je näher das Geschehen an die Gegenwart rückt, desto mehr wird aus dem großartigen ländlich-dörflichen Donau-Epos eine von wachsender Aufmüpfigkeit und zuvor nicht gekanntem politischen Mut, von Piratensendern, Republikflucht und den Absurditäten der Staatssicherheit handelnde vertrackte Spionage- und Kriminalgeschichte aus den Zeiten des Kalten Krieges. Metaphysik und Mystik, auch Wahn und Absurdität, sind dabei niemals sehr weit weg. „Jeder Mensch brauchte von Zeit zu Zeit einen Ausflug ins Reich des Absurden und des Wahns, um seinen Verstand in dieser Welt nicht zu verlieren.“ (S. 954f.)

Die Zeit nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft und der Kriege der 1990er-Jahre, die bis heute anhaltende turbokapitalistische Gegenwart also, bleibt gefährlich. „Eine Zeit der Mutigen war angebrochen, denn man musste überall mutig sein, auf der Straße, im Schulhof, unterwegs mit dem Auto, am Arbeitsplatz, in Parks, auf Spielplätzen, in öffentlichen Transportmitteln, in Lebensmittel- und anderen Schlangen, am Tag, vor allem aber, wenn die Sonne untergegangen war.“ (S. 1023) Um auch heute in Würde zu bestehen, kann und muss man aus der Geschichte lernen, nicht zuletzt durch die Lektüre von guten Romanen – ein zutiefst humanistischer Gedanke, der Dinevs Donau-Epos seinen festen Grund gibt. „Alle Versuche, eine bessere Welt, einen besseren Menschen auf Kosten anderer zu erschaffen, sind nicht nur zum Scheitern verdammt, sondern führen auch zu großen Katastrophen.“ (S. 1048) Zeit der Mutigen ist vollgepackt mit solchen und ähnlichen Weisheiten, und schon allein ihretwegen lohnt sich die Lektüre dieser schlichtweg meisterlichen 1152 Seiten. Große europäische Romankunst.

Klaus Hübner

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