,,Die Zeit ist ein Seelenfresser“ | Franz Hodjak: Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen | Besprechung
von IKGS München
Wenn man dieses Buch liest, das Franz Hodjak uns noch mit auf den Weg gab, bevor er im Juli letzten Jahres von uns gegangen ist, so ist es, als hörten wir einem guten Freund zu, der einem noch schnell die Augen öffnen will, bevor er vorauseilt. Die editorische Geschichte des Bandes passt zum Schalk im Nacken des Autors, der in all seinen Büchern aufblitzt. Das Buch war nämlich schon letztes Jahr zu seinen Lebzeiten fertig, wurde auch zum Subskriptionspreis verkauft, ist aber erst in diesem Jahr (und dann an erster Stelle!) im Verlagsprogramm gelistet und gilt mit dem Erscheinungsjahr 2026 somit als postum.
27. Mai 2026Franz Hodjak: Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen. Aphorismen. Leipzig: sisifo, Leipziger Literaturverlag 2026. 120 S.
Wie dem auch sei! In dieser Sammlung von Aphorismen, seiner fünften bislang, wenn ich richtig gezählt habe – der zweiten bei sisifo –, liest man keine Überheblichkeit heraus, kein „Ich weiß es besser“, und doch so viel unaufgeregte Weisheit, so viel schelmisches Nachdenken, inspirierende Gelassenheit, beneidenswerte Abgeklärtheit und letztendlich – auch noch im hohen Alter – Neugier auf das Leben. So schreibt Hodjak: „Wer staunt, ist niemals einsam, weil er immer etwas hat, womit er sich beschäftigen kann“. (S. 70)
In neun Kapitel aufgeteilt, denen jeweils ein Aphorismus als Motto vorangesetzt ist, will das Buch eine kommunikative Brücke zwischen Leserschaft und Autor sein, zumal letzterer klar auch zu seiner Polemik steht: „Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich auch über den einen oder anderen Aphorismus ärgert oder ihn sogar für einen Unsinn hält, das regt das Denken an und fördert die Kommunikation zwischen Leser und Autor“. (S. 4) Die neun Kapitel sind nicht so streng voneinander abgegrenzt, es gibt einige thematische Überschneidungen; im ersten geht es um das Leben, eingeleitet vom wunderschönen Sinnspruch: „Das Leben ist eine Versuchung, der niemand widerstehen kann“. (S. 6) Das nächste Kapitel dreht sich um das Ich und die Sprache, die Worte, in weiteren Kapiteln geht es um die großen Themen, die den Autor schon seit jeher beschäftigt haben: die Liebe, die Hoffnung, Glück und Unglück, die Zeit, der Tod. Doch damit endet der Band nicht, der krönende Schlusspunkt ist ein Kapitel über die Freiheit.
Aus vielen Aphorismen lesen sich autobiografische Andeutungen heraus; Hodjak verortet sich als Individuum sowohl in die Zeit, in die er hineingeboren wurde, als auch an die Orte seiner Geburt (Siebenbürgen), seiner Reisen, seines Wirkens (Usingen): „Man ist immer auch ein wenig von dem, wo man ist, und ein wenig von dem, wann man ist“. (S. 71) Und wieder tut er das mit Selbstironie: „Die Zeit, in die ich hineingeboren wurde, ist mein drittes Elternteil. Ob sie das auch gern ist, weiß ich nicht“. (S. 94) Vielleicht war er ja zu kritisch seiner Zeit gegenüber, als dass sie ihm dies danken würde – wie zum Beispiel in diesen Aphorismen. Auf jeden Fall zeugt dieses Buch vom Nachdenken Hodjaks, vor allem über sich: „Ich bin der, der wissen will, wer ich bin“. (S. 68) Über Erkunden seiner selbst definiert er sich als Schriftsteller und kann diesem sowieso nicht entrinnen: „Auf der Distanz zu sich selbst gibt es keine Verkehrsmittel und Umsteigmöglichkeiten“. (S. 80) Und dieses Nachdenken wird in seiner ganzen Dialektik erfasst, es verwandelt Objekt wie auch Subjekt: „Alles woran ich denke, verwandelt mich und das, woran ich denke“. (S. 71) Und trotz allem, gibt der Autor zu, kann man sich vielleicht nie wirklich kennenlernen: „Egal wie tief wir in uns hineinblicken, wir sehen immer nur die Spitze des Eisbergs“. (S. 81) In diesen Erkenntnisprozess ist auch die Sprache verwickelt, die ihrerseits den Prozess und den Nachdenkenden verändert: „Den ganzen Tag gehen Wörter ein und aus in mir. Sie gehen als etwas hinein und kommen als etwas anderes wieder heraus und durch ihr Hin und Her verändern sie auch mich“. (S. 29) Denn die Worte als Ergebnis des Nachdenkens sind in Hodjaks Bilderwelt Stützen für die Seele, oder wie er es treffend formuliert: „Worte sind Krücken, ohne welche die Seele nicht laufen kann“. (S. 30)
Oft ist Hodjaks Nachdenken politisch, jedoch ohne sich auf die tagesaktuelle Politik zu beziehen. Er steigt eine Stufe tiefer hinab und reflektiert die Grundvoraussetzungen politischen Handelns, sei es über das Lügen in der Politik: „Wer anders lügt als die Anderen, wird aus der Partei ausgeschlossen“. (S. 47), sei es über die Missstände: „Immer wird, was hier nicht in Ordnung ist, zuerst in einem anderen Teil der Welt sichtbar“. (S. 47), oder aber über die Absurdität von (bewachten) Grenzen, die den Menschen das Heimatgefühl raubt: „Wo eine bewachte Grenze verläuft, ist niemand zuhause“. (S. 46)
Scharfsinnig erkundet der Autor die Doppelbödigkeit der Dinge, wenn zum Beispiel aus dem Glück selber das Unglück erwächst: „Ein Glück, das mehr zurücknimmt, als es gegeben hat, nennt man Unglück“. (S. 60) Dabei klopft er Redewendungen ab auf ihre Gültigkeit, deutet Mythologie um: „Prometheus hat das falsche Feuer geklaut. Jetzt brennt es nicht in den Herzen, sondern legt die halbe Welt in Schutt und Asche“. (S. 47), und im gleichen Atemzug auch die Bibel: „Heute wissen wir, Adam war nicht im Paradies, sondern im Krieg“. (S. 50) Die Lehre über Jesus ist in Franz Hodjaks Gedankenwelt nur eine weitere Lüge: „Die Lügen von und über Jesus hören wir uns schon über zweitausend Jahre an. Und keine anderen Lügen haben diese Welt so geprägt wie diese“. (S. 56) Ein seltener Aphorismus stellt die ganze Tragik der menschlichen Existenz zur Schau, die Verlorenheit, zwischen Stillstand und Bewegung, vielleicht auch zwischen Fortschritt und Rückschritt: „Etwas will sich bewegen, etwas will stillstehen, und so können die beiden Etwas sich nicht aufeinander verlassen, und wir stehen dazwischen, ohne jeden Halt“. (S. 77)
Meistens scheint sich aber die sprechende Instanz mit der Conditio humana abgefunden zu haben und mit der Nebensächlichkeit der menschlichen Existenz: „Zum Großteil besteht die Welt aus Ahnungen, Ansätzen, Übergängen, Anfängen, den kleinsten Rest machen wir aus“. (S. 51) Der Mensch sollte sich daher nicht so wichtig nehmen: „Der Mensch ist nichts Eigentliches auf dieser Welt, er ist nur eine Ergänzung“. (S. 72) Machtlos ist er der Zeit ausgeliefert: „Wir sind wandelnde Uhren, die anzeigen, wie die Zeit verrinnt“. (S. 88), die ihm übel mitspielt: „Die Zeit ist ein Seelenfresser. Nur die Hülsen lässt sie liegen“. (S. 90) Doch das unweigerliche Ende wird mit Galgenhumor betrachtet: „Wenn nichts mehr geht, sterben geht immer“. (S. 98)
Ein Thema des Lyrikers und Prosaautors Hodjak darf auch in seinen Aphorismen nicht fehlen: die Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff. Dabei macht der Autor eine böse Heimat aus, die von einem verlangt, man müsse für sie einstehen: „Die Münze hat nur zwei Seiten des Bösen. Die Zahl verkörpert die Gier und das Wappen eine Heimat, die von jedem verlangt, er müsse auch für sie stehen“. (S. 54) Diese Heimat setzt er gleich mit einem „Vaterland“, das Opfer produziert: „Überall, wo es Opfer gibt, ist Vaterland“. (S. 53) Dann gibt es aber noch eine andere Heimat, die der Autor mit der Kindheit assoziiert und die unvermeidlich verloren geht: „Wenn es eine Heimat gibt, dann war es die Kindheit, und mit dem Verschwinden der Kindheit ist auch die Heimat verloren gegangen. Seither ist der Mensch ein Fremder in der Welt“. (S. 89) So definiert sich also der Mensch und die Wesen und Dinge insgesamt über ihre Heimatlosigkeit, denn: „Nur was es nicht gibt, kann nicht heimatlos sein“. (S. 108)
So wie man als Mensch heimatlos ist, kann man auch nie ankommen, zumal das Ankommen eine unendliche Reise ist, ein Prozess: „Das Ankommen ist ein Prozess, der niemals endet“. (S. 71) Hodjak setzt das Ankommen mit Stagnation gleich, mit einem Ende der Entwicklung: „Wer ankommt, hat sich gefunden. Wer mehr finden will, geht weiter“. (S. 69) Er selber hat immer weitergedacht und formulierte: „Ich gehe bis zum Äußersten. Wer geht weiter?“. (S. 72)
In dieser Aphorismensammlung sagt der Autor „die Dinge so, als hätte man sie gewusst aber nicht gedacht“ (S. 28) und gewährt seiner Leserschaft einen Einblick in seine vielseitige und tiefgründige Gedankenwelt. Sie zeugt von einem Freigeist, der das Leben nicht leicht nahm, aber der es in vollen Zügen ausschöpfte und sich bis zum Schluss seinen Humor und seine Würde bewahrt hat. Wie anders kann man den Titel verstehen: Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen.
Im Umschlagbild von Ulrike Holzer wird sinnigerweise ein offener Kopf dargestellt, aus dem Rauschschwaden – Gedankenschwaden entweichen. Der Verleger tat gut daran, es thematisch in Kapitel aufzuteilen, leider sind noch ein paar Tippfehler und zumindest eine Wiederholung drin.
Alles in allem ist es aber ein gelungenes Buch und eine inspirierende Zusammenstellung. Und obgleich die Heimat mit der Kindheit verloren ging und die Zeit als Seelenfresser verschmäht wird, schließt Franz Hodjak im letzten Aphorismus in einem versöhnlichen Ton ab, der die Fremdheit des Menschen in der Freiheit aufgehen lässt: „Der freie Wille wäre eine Heimat und zugleich der Weg zu ihr“. (S. 118)
Edith Ottschofski