Ilma Rakusa: Wo bleibt das Licht. Tagebuchprosa. Graz, Wien: Literaturverlag Droschl 2025. 560 S.

Ilma Rakusa wird nicht nur mit einer Festschrift geehrt werden, es wird sicher auch ein großes Medienecho geben. Achtzig Jahre! Man tritt der renommierten Autorin gewiss nicht zu nahe, wenn man ihr jüngstes Buch Wo bleibt das Licht umstandslos als Alterswerk bezeichnet. Mit allen Stärken und Schwächen, die dieser Begriff nahelegt. Der berühmte Soziologe Georg Simmel liest die Alterswerke bedeutender Künstler als Inbegriff einer unüberbietbaren Individualität – der große Künstler, so Simmel im Jahr 1918, ist im Alter „so rein er selbst, dass sein Werk nur das an Form noch zeigt, was die Strömung seines Lebens von selbst erzeugt“.

Ilma Rakusas „Tagebuchprosa“, durchsetzt mit szenisch gestalteten Dialogen, längeren Gedichten und nicht immer überzeugenden Haikus, setzt im Sommer 2022 ein und endet im Jahr 2025. Die weltweit bestens vernetzte und eminent belesene Dichterin mit besonders intensiven Verbindungen nach Ost- und Südosteuropa blickt mit hilflosem Schrecken und großer Empathie für die notleidenden Kriegsopfer auf die Krisenherde dieser Welt, und hier ganz besonders auf die Ereignisse in der ihr nahen und vertrauten Ukraine. Das Thema Ukraine, das die Menschen in Europa nachhaltig beschäftigt, durchzieht verständlicherweise das gesamte Buch – wobei Ilma Rakusas luzide Prosa oft, sehr oft in ein verzweifeltes „Vater unser“ mündet. „Der Kopf, der Kopf, der Kopf. Wie soll er es richten.“ (S. 26) Imponierend, wie wortmächtig und deutlich die Autorin Ungerechtigkeit, Despotismus und Gewalt anprangert, wie sie an Humanität und politische Klugheit appelliert. Traurig, wie sie am geliebten Russland verzweifelt: „Manipulation, Lüge, Desinformation der plumpsten Art. Das Volk nickt sie ab, eingeschüchtert, gleichgültig, apathisch. Überleben (im Sklavenmodus) ist alles“. (S. 41) Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (S. 44) ist krass wie selten zuvor, die Angst ist groß und häufig – „Angst, immer wieder Angst“ (S. 204) –, die Fakten sind bedrückend, und die Aussichten sind es auch. „Gegen Hass ist kein Kraut gewachsen, er vererbt sich über Generationen.“ (S. 339) Es ist traurig und entmutigend zu lesen, wie ratlos die Autorin am Ende meistens ist. Ratlos ob der Absurditäten der Gegenwart. Wie wir alle. Ilma Rakusa zitiert einen namenlosen ukrainischen Soldaten: „Man kann über alles sprechen. Aber ich habe nichts zu sagen, weil mein Hirn ausgebrannt ist“. (S. 296) Die Dichterin jedoch hat etwas zu sagen: „Der Osten, ich werde ihn nicht los. Und kritisiere ihn, was das Zeug hält, weil ich ihn kenne“. (S. 93)

Grundsätzlich und immer gilt: „Und jedes, jedes Menschenleben zählt“. (S. 245) Das trifft auch auf jene Prosapassagen zu, die sich der katastrophalen Lage in Israel und Gaza widmen – ein weiteres Hauptthema dieses Tagebuchs. Und Ilma Rakusa macht sich zudem Sorgen um Konflikte, die angesichts der genannten Kriege etwas ins Hintertreffen geraten sind, in Belarus, im Sudan, im Iran oder in Bosnien. Und immer wieder die fassungslose Frage: Wo bleibt das Licht? Dennoch wäre es dieser Tagebuchprosa nicht angemessen, sie auf Passagen zum tagespolitischen Weltgeschehen zu reduzieren. Oder auf ihre Zeitkritik: „Längst erweist sich der puritanisch-moralistische Wokeismus nicht nur als Falle, sondern als Bumerang“. (S. 387) Denn ebenso wichtig sind die Notate zum persönlichen Befinden der Autorin, vor allem ihre zahlreichen, erstaunlich klar verschriftlichten Träume – „Träume als Sketche, als Filme, nie langweilig“. (S. 166) Es geht immer auch um den Zürcher Alltag, ums Älterwerden, um den Wechsel der Jahreszeiten, um die Blicke aus dem Fenster, um den Garten und um den See. Und, nicht zuletzt, um die Sorgen um den erwachsenen Sohn und die Freude an den Enkeln, an Kindern überhaupt – wenn irgendwo Licht in Sicht ist, dann hier. Man könnte das zu den kleinen Dingen des Alltags rechnen, aber genau sie sorgen für Freude in der Tristesse, und das ist viel.

Die Schauplätze wechseln, sehr eindrucksvoll wird Rom beschrieben, und auch nach Tours in Frankreich oder nach Miercurea Ciuc (ung. Csíkszereda) in Rumänien, ins Zentrum der ungarischen Szekler, führt diese Tagebuchprosa. Die geistige Präsenz von schreibenden, malenden oder philosophierenden Begleiterinnen und Kollegen, von heute oder aus früheren Zeiten, bringt immer wieder erstaunliche, originelle und klug formulierte Beobachtungen und Interpretationen von Kunst und Literatur hervor – Franz Kafka, Marina Zwetajewa, Friederike Mayröcker, Elke Erb, Thomas Kunst, Serhij Zhadan, Raoul Schrott, Aleksandr Tišma, Herta Müller und andere Künstlerinnen und Künstler hinterlassen ihre Spuren. Die Trauer um die Dichterfreundin Dubravka Ugrešić, die „die ganze Balkan-Bagage“ (S. 119) niemals losgeworden sei, den verehrten David Albahari, „sephardischer Jude und Serbe und Kosmopolit“ (S. 161), oder den im Dachsteingebirge verschollenen Poeten Bodo Hell „mit seinem hellen Verstand und seinen hüpfenden Sätzen“ (S. 128) findet mehrfach ihren poetischen Ausdruck.

Von Passagen, in denen von Literatur und Poesie die Rede ist, ist es nicht weit zu Reflexionen über die eigene Poetologie – Plädoyers für ihre Art von tagebuchartigen Aufzeichnungen, in denen alles vorkommen darf: „Kein vorgegebenes Sujet zwingt mich zu Abstrichen, es gibt keine Ichzensur. Gleichberechtigt, was zu Wort kommen will. Filterfunktion hat die Sprache, die (nach künstlerischen Kriterien) auswählt und verwirft“. (S. 177) Bloß keine dichten, ausschließenden Grenzen: „Es braucht Übergänge und Schlupflöcher. Die Sprache selbst ist nicht aus Beton, sondern beweglich: ebenso zart wie resistent“. (S. 360) Mit Empathie, die in Erfindung übergehen kann, komme man weit: „Auch punkto Glaubwürdigkeit. Dies macht den Reiz autofiktionaler Texte aus“. (S. 186) Allerdings, und das ist nicht ganz unwichtig, nagen die Zeitläufte und das Älterwerden an der poetischen Energie der Autorin: „Doch die Worte kommen mir immer häufiger abhanden. Und die Fragen nehmen zu. Und auf Erschütterungen reagiere ich immer weniger stoßfest“. (S. 398f.)

Kritische Anmerkungen zu Wo bleibt das Licht wird es sicherlich geben. Man kann sich über manche Eigenheit der Autorin wundern, etwa über ihr ständiges Bemühen um ein attraktives Äußeres, über ihre Vorliebe für Luxusangebote von Duty Free Shops, über ihre übertriebene Aufmerksamkeit für exklusives Essen und Trinken in noblen Restaurants oder über ihre durchaus selbstgefällige und daher etwas irritierende Freude daran, berühmt und gefragt zu sein. Muss das ins Buch? Man darf sich auch über die Häufung von Selbstzitaten oder über gewisse sprachliche Marotten aufregen, vor allem über die den Lesefluss unnötig störende Häufung meistens ziemlich belangloser englischer Wendungen – „Somehow depressing, das Ganze“ (S. 367) oder „Die Welt ist nicht paradiesisch, we know it“. (S. 531) Und vor allem, und hier wohl mit Recht, über ein Lektorat, das es offenbar nicht wagte, der Autorin Kürzungen vorzuschlagen – hundert Buchseiten weniger hätten es sicherlich auch getan. Wo bleibt das Licht ist, selbst für ein Alterswerk, ein Text mit zu vielen Redundanzen. Dieses Buch ist ganz einfach zu lang.

Seit 2022 ist die Welt eine andere geworden, und fast unmerklich haben auch wir uns verändert. Diesen Prozess anhand der Tagebuchprosa von Ilma Rakusa zu reflektieren und ihm nachzuspüren, sei trotz aller Kritik empfohlen. „Mich beschäftigt, warum die Menschheit aus der Geschichte so wenig gelernt hat. Ich glaube an die verändernde Kraft von Literatur, wenn sie denn gelesen wird. Und an die Liebe ohne Nebengedanken (eigennützige Absichten).“ (S. 351f.) Das darf man als vielleicht zu idealistisches, aber ganz bestimmt zutiefst humanes Credo von Ilma Rakusa begreifen. Und schließlich, wer würde da nicht zustimmen: „Schreiben ist ein Gespräch und trotzt damit ideologischen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die unsere Zeit mehr und mehr prägen. Ohne Gespräch gibt es keinen Frieden“. (S. 559)

Klaus Hübner

Weitere Beiträge zu diesen Themen

Text

Wie ein Altarbild aus Tetschen nach Bayern...

von Zuzana Jürgens
Eiserner Vorhang in Kvilda n der bayerisch-tschechischen Grenze. (Quelle: Wikipedia/Autor „Harold“)
Text

Verrostende Erinnerung an den Eisernen Vorhang an...

von Wolfgang Schwarz
Text

Die Poesie trotzt der Schwerkraft | Hellmut...

von IKGS München