Heinrich Zillichs Name stand auf der Gottbegnadeten-Liste der besonders wichtigen Kulturschaffenden des Dritten Reichs. Es waren nur etwas mehr als tausend Personen, die der „Führer“ für unverzichtbar hielt. Sie widmeten sich der Propaganda, mussten nicht an die Front.

Trotzdem trugen einige der Männer, die zum NS-Dichtertreffen in Weimar geladen waren, eine Uniform. Insgesamt wenige Frauen, aber viele männliche Gesinnungsgenossen aus anderen Ländern des Kontinents waren mit dabei. Zillich stammte aus Rumänien, zählte aber zu den Deutschen.

Ab 1941 nannte sich das Dichtertreffen nicht mehr großdeutsch, sondern europäisch. Die Perspektiven dort waren tatsächlich europäisch, freilich unter nationalsozialistischen Vorzeichen. Das war jene Größenordnung, in der auch Zillich dachte. Es ging ihm stets ums Ganze, um das Abendland, das Reich und die Rolle des Deutschtums in dieser Retro-Vision des europäischen Kontinents.

Heinrich Zillich in seiner Bibliothek
© IKGS München, Sign. ZIL 1

Ende des „Dritten Reiches“

1945 überrollte die Rote Armee das NS-Reich von Osten kommend. „Es geht um das Abendland!“, schrieb Zillich wenige Tage vor der Kapitulation in sein Tagebuch:

„Gegen den Sadismus des schrecklichsten Volks, das auf der Erde lebt, des russischen, dessen Fürchterlichkeit einmal in der Geschichte alle Schauertaten früherer Asiaten verdunkeln wird. Aber kann das deutsche Volk sich noch retten?“

Der Krieg in Europa endete im Mai 1945 mit der Kapitulation. Der Führer hatte sie alle hinters Licht geführt, er sei der große Träumer gewesen, der „das Reich erfüllte“. Zillich wollte stets geahnt haben, dass etwas im Kern nicht stimmte. Aber was die Alliierten mitbrachten, war auch nicht seine Welt. Sie waren für ihn Besatzer, nicht Befreier. Es sei vorbei, schrieb Zillich in sein Tagebuch. Der Versuch, Europa durch Europäer zu ordnen, misslungen. „Diesmal“ fügte er dem Typoskript händisch hinzu. Und: er habe noch ein dichterisches Werk zu leisten, müsse den Menschen noch etwas geben.

Zukunftsängste

Bald dämmerte ihm, dass die Welt nicht mehr auf ihn wartete. Die großen Verlage wollten seine Manuskripte nicht mehr drucken. Sie antworteten nicht auf seine Briefe, hielten ihn hin, lehnten ihn ab. Der Erfolg während des NS-Regimes hatte ihn kontaminiert. Er war zum Paria geworden. Zillich zürnte. Die neuen Eliten, was wussten sie schon über ihn? Von seiner Kindheit in Siebenbürgen, inmitten verschiedener Völker und Konfessionen. Von seinem „Klingsor“, den er seit den 1920er-Jahren als Herausgeber zur bedeutendsten deutschen Kulturzeitschrift im ganzen Südosten gemacht hatte.

Alle hatten sie für ihn geschrieben, Deutsche, Rumänen, Juden. Zumindest bis er seine Zeitschrift Schritt für Schritt an seinen neuen Idealen ausrichtete. Als er aus Siebenbürgen nach Starnberg übersiedelte. Bis zu seinem Aufstieg im „Dritten Reich“, als Schriftsteller, als Künstler. Hatte einer der neuen Herrscher Europas jemals Zwischen Grenzen und Zeiten gelesen, seinen Bestseller aus dem Jahr 1936? Was sollte aus seinen noch zu schreibenden Werken werden? Was aus dem Abendland?

Gestrandet im Mutterland

Hinter dem Eisernen Vorhang, im Karpatenbogen, lebten noch immer viele Landsleute. Den Rumäniendeutschen war nach dem Krieg zwar eine Vertreibung erspart geblieben. Die Regierung setzte auf andere Arten der Bestrafung. Unter dem kommunistischen Regime war von Freiheit keine Spur. Es stand noch nicht fest, ob man sie herausholen oder eher als Fuß in der Tür zur angestammten Heimat betrachten sollte.

Während die alte Heimat hinter dem Eisernen Vorhang verschwand, fühlten sich die Vertriebenen und Flüchtlinge als Gestrandete, Opfer der Weltgeschichte, ohne Auftrag, vom Wohlwollen des Mutterlandes abhängig, in das sie zurückgekehrt waren. Eine Willkommenskultur gab es kaum. Die Binnendeutschen waren mit den Trümmern und sich selbst beschäftigt.

Die Auferstehung des Reiches

Zillichs Texte fanden allmählich wieder Publikationskanäle. Bald gestaltete er auch die Südostdeutschen Vierteljahresblätter mit. Die Zeitschrift fungierte als kulturelles Sprachrohr, herausgegeben vom Südostdeutschen Kulturwerk in München. Einfluss und Erfolg blieben von nun an auf das Vertriebenenmilieu beschränkt, Zillichs Reichweite vergleichsweise gering, das Geld stets knapp. Seine Sorge um das Auskommen der Familie war echt, so wie sein Selbstmitleid, das ihn zeitweilig in die Todessehnsucht trieb.

Bei seiner Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen engagierte er sich als Funktionär. Bei den Vertriebenen wurde er zum gefragten Festredner, dort wollte man ihn noch hören. Seine Vision vom Abendland. Die Auferstehung des Reiches war ab jetzt sein Lebensthema. Das neue Reich sollte nach alten Idealen funktionieren, wie sie seine Vorfahren seit über acht Jahrhunderten im Osten dieses Kontinents gegen alle Angriffe von innen und außen verteidigt hatten. Als es noch Völker gab und keine Nationen, einen Kaiser und nicht zwei oder gar keinen. Eine Retrovision.

Europäische Retrovision

„Ja, nie wieder wird es so sein, wie es war…“, rief Zillich 1950 seinen Landsleuten entgegen. Es blieb die Flucht in die Zukunft, denn das Alte könne sich anders erneuern. Viele dachten trotzdem an Auswanderung nach Übersee. Zillich wollte, dass sie blieben. Um sie zu überzeugen, führte er sie zurück in die nun ferne Heimat an der Grenze des Abendlandes:

„Vor dem Tatarenpaß daheim liegt die Gemeinde Tartlau, geschart um die größte Kirchenburg der Welt. Fünfzigmal in fünfhundert Jahren äscherten Feinde den Ort ein, fünfzigmal stieg er wieder empor. Laßt uns Tartlauer Bauern sein, hoffen und schaffen, warten und glauben.“

Im Bild der Tartlauer Bauernburg findet sich alles, was Zillich bewegte und was auch seine Landsleute bewegen sollte: Widerstandsfähigkeit, Heldenmut, Eigensinn. Eine Mission.

Neue, alte Aufgaben für die Siebenbürger Sachsen

Welche Rolle sollten die Siebenbürger Sachsen in der bundesdeutschen Gesellschaft spielen? Für Zillich stand fest, dass die „Ostgewohnten“ die historische Erfahrung aus der Heimat einbringen sollten. Als erste in Europa hätten sie schon vor 800 Jahren ein Staatsgebilde wahrer und nicht bloß behaupteter Demokratie aufgestellt, in dem jedermann gleichberechtigt gewesen sei.

Diese Behauptung würde einer Prüfung bis ins letzte Detail nicht standhalten. Aber Zillich hatte einen Punkt: tatsächlich lebten im Karpatenbogen viele verschiedene Gruppen relativ friedlich zusammen. Es herrschte durch die Jahrhunderte ein überdurchschnittliches Maß an Toleranz und Freiheit. Mit diesem Know-how sollte man das neue Deutschland unterstützen.

An den Grenzen Europas

Und die Rolle der Deutschen in Europa? Zillich vermied eine tiefergehende Reflexion über das Dritte Reich, die Shoah und die Rolle der Südostdeutschen.  Man habe zwar vieles falsch gemacht, vor allem die Politiker. Aber die Feinde des Reichs seien schlimmer gewesen. Das NS-Regime nur ein Betriebsunfall in einer tausendjährigen Erfolgsgeschichte.

Die Deutschen waren für Zillich das Herz Europas, langfristige Garanten einer abendländischen Kultur: Träger des Reiches. Und an den Deutschen im Osten habe sich das „Urgesetz europäischer Ordnung“ am deutlichsten abgezeichnet: „an die Grenze gestellt, im Angesicht des völlig Fremden“ hätten sie Europa verteidigt.

Europa, Reich und Abendland – im Denken Heinrich Zillichs gehörte das zusammen. In der Mitte musste ein starkes und freies deutsches Volk walten, dessen „Sendlinge“ die Flanke im Osten bewachten. Jenseits dieses Grenzwalls war für Zillich Schluss, dort begann das radikal andere, eben das Fremde: Asien, die Steppe. Sein Europa wurde von dieser Grenze definiert. Mit dem ideellen Europa sei der klar nach Osten abgegrenzte Raum gemeint.

Zillichs letzte Enttäuschung

Am 31. Januar 1988 erhielt Zillich die Nachricht, dass sein einstiger Besteller Zwischen Grenzen und Zeiten nicht neu aufgelegt würde. Romane nationaler Autoren seien nahezu unverkäuflich. Er schrieb seinen Zorn ins Tagebuch: Seit über vierzig Jahren würden Lumpen das geistige Leben hierzulande unterjochen. Und: Wir leben in Unfreiheit.

Zillich starb im Mai desselben Jahres. Seine Retrovision für Europa blieb unerfüllt.

Im folgenden Jahr fiel der Eiserne Vorhang. Zigtausende Siebenbürger Sachsen verließen ihre Heimat Richtung Bundesrepublik. Die Verbliebenen kümmern sich bis heute um ihr Kulturerbe, der Minderheitenschutz hat einen hohen Stellenwert im EU-Mitgliedsland Rumänien. In dessen Mitte die Tartlauer Bauernburg steht. Von Grund auf renoviert, als viel besuchtes Touristenziel.

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