Carmen-Francesca Banciu: Ilsebill salzt nach. Ein Briefroman. Berlin: Palm Art Press 2023. 320 S.

Der Titel ist dessen Der Butt aus dem Jahr 1977 entlehnt, in dem nicht weniger als die Geschichte der Menschheit und darüber die Beziehung zwischen Frau und Mann erzählt und verhandelt wird. Der Butt wird eröffnet mit dem Satz „Ilsebill salzte nach“, der wiederum 30 Jahre später populär werden sollte, weil er in einem Wettbewerb zu den schönsten ersten Sätzen der in deutscher Sprache verfassten Romane gewählt wurde. Viel ist seitdem über die Relevanz von ersten und im übrigen auch letzten Sätzen geschrieben worden, über die Richtung, die sie einem Text geben, die inhaltlichen Klammern, die gesetzt werden, und dass es eben der erste Satz ist, der darüber entscheidet, ob die Leserinnen und Leser in den Lektürebann gezogen werden. Carmen-Francesca Banciu lässt nun ihr Buch unter der Überschrift „Günter, ahoi!“ beginnen mit: „Ich spüre Deine Hand auf meiner Schulter“. (S. 5) Durch die direkte Ansprache, das vertraute „Du“, den körperlich spürbaren Kontakt zu dem 2015 verstorbenen Grass schafft Banciu sofort eine intime Atmosphäre, die augenblicklich fasziniert. Zugleich stellt sich eine Irritation ein, denn der Bezug auf Günter Grass und zumal den Butt ist gerade aus heutiger Perspektive nicht unproblematisch: die lange nicht öffentlich gemachte Mitgliedschaft in der Waffen-SS, antiisraelische Äußerungen und Der Butt, für den Grass unter anderem in der Zeitschrift Emma stark kritisiert worden war. Aber, soviel sei vorweggenommen, Carmen-Francesca Banciu, die sich erfreulich unvoreingenommen Autor und Werk nähert, zeigt, dass Grass und sein Œuvre auch heute noch Bestand haben. 

Anlass für die Auseinandersetzung mit Günter Grass war das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste, das Banicu 2021 zuerkannt worden war. Dieses beinhaltet einen Aufenthalt im Alfred-Döblin-Haus im schleswig-holsteinischen Wewelsfleth, das Günter Grass 1970 gekauft und 1985 dem Land Berlin geschenkt hatte und das seitdem Berliner Autorinnen und Autoren im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums zur Verfügung gestellt wird. Banciu, die mehrere Frühjahrswochen in Wewelsfleth verbrachte, beabsichtigte ursprünglich, hier ein Buch zu schreiben, in dem auch ehemalige Beteiligte an Kindertransporten zu Wort kommen, ein Buch über Vergeben, Verzeihen und Versöhnen. Doch Grass drängte sich zwischen sie und dieses Buchprojekt, so Banciu. Sie nimmt diese Einmischung an und geht den Spuren des großen deutschen Autors und seinem Umfeld nach. Es entwickeln sich Gespräche mit den Lebenden und den Toten, die angestoßen werden durch den täglichen Blick auf ein bestimmtes Grab des Dorffriedhofs, wo Namen und Daten der Ausgangspunkt einer tragischen Familiengeschichte sind, gesuchte und zufällige Begegnungen sowie E-Mails, die sie erhält, und solche, die sie nicht mehr schreiben wird, weil der Korrespondenzpartner überraschend verstirbt. Das alles ist gleich präsent, wodurch das Gewesene in eine direkte Verbindung zum Heutigen tritt. 

Der Fluss der Briefe an „Günter“ wird durchbrochen von Fotos, E-Mails und Briefen, vor allem aber von Gedichten, die zeigen, dass die Grenzen von Prosa und Lyrik bei Banciu fluid sind. Kurze elliptische Sätze, die oft im eigentlichen Sinne gar keine mehr sind, konzentrieren die Sprache und verschieben die Betonung, zum Beispiel, wenn die Protagonistin über ihren Vater schreibt: „Der Vater. Der nach der Rückkehr aus der Zwangsarbeit kein Pianist mehr sein konnte. Arbeitete in der Alimentara, im Lebensmittelladen. Für wenig Geld“. (S. 72) Hierdurch entsteht ein großer spannungsgeladener Kontrast zur episch breiten Prosa von Günter Grass. 

In Wewelsfleth begegnet Banciu natürlich der Autor Grass, hat er hier doch neben dem Butt auch Das Treffen in Telgte, Kopfgeburten und Teile der Rättin geschrieben. Er nähert sich ihr aber auch als Politiker und begnadeter Koch sowie als Dorfbewohner und Nachbar. Banciu geht Grass‘ Wegen nach. Sie bereitet sich Essen in seiner Bratpfanne zu, sieht durch das Fenster, durch das er auch einst gesehen hat, und befragt Menschen auf der Straße nach ihm. Sie bedient sich dabei einer Methode, die sie bereits in ihrer Zeit als Dorfschreiberin des rumänischen Dorfes Katzendorf (rum. Caţa) erprobt hatte: Damals ließ sie in Kleinstporträts von Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung, die sie für den Deutschlandfunk Kultur als Radiofolge produziert hatte, das Panorama eines Ortes entstehen. Und doch ist es 2021 anders als damals in Katzendorf, wo die Zeichen auf Aufbruch standen, wo, so Banciu, „Pioniere der Neuzeit“1 zu Hause waren. Die Corona-Pandemie hat das öffentliche und private Leben fest im Griff und dringt am Vorabend des Angriffs Russlands auf die Ukraine auch in die „Idylle Wewelsfleth“ ein. „Die Welt brennt / Der dritte Weltkrieg / Hat schon längst angefangen“, heißt es in dem Gedicht Bestandsaufnahme (S. 36f.), das dem Haupttext zwischengeschaltet ist. Die Ansprache an Grass kann so auch als eine Flucht in die Innerlichkeit gedeutet werden, die wiederum eine Reaktion auf die sich verschärfenden äußeren Umstände ist. 

 „Wir haben vieles gemeinsam“ (S. 21), heißt es eingangs und aus dieser Gemeinsamkeit heraus wird Grass Erinnerungs- und Schreibanlass. Gemeinsam haben die Autorin und der Autor unter anderem die Erfahrung der Entwurzelung, resultierend aus der Flucht und Ausreise aus der einstigen Heimat. Wie auch Grass habe die Verfasserin der Briefe in einer Diktatur gelebt, zu der sie eine innere Haltung finden musste. Immer wieder betont Banciu dabei die Zufälligkeit des Lebens, stellt Fragen danach, ob man unter anderen Voraussetzungen auch eine andere Person geworden wäre: „Wer wäre ich, wenn ich in Wewelsfleth geboren wäre? Wer wärest Du, wenn Du nie hättest flüchten müssen? Wenn Du weiter in Danzig gelebt hättest?“. (S. 21) Es ist die Frage nach der eigenen Identität, die hier gestellt wird, danach, wie sich die Herkunft in die Biografie einschreibt und inwiefern man diese selbst beeinflussen kann. Es stellen sich aber auch Fragen nach ethischem und moralischem Handeln und dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Hier rekurriert Banciu natürlich auf Grass‘ so spät erst öffentlich gemachte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS, aber auch auf den „pseudofeministischen Roman“ Der Butt, für den er „nicht ohne Grund […] von der bösen Alice in ihrer Kampfschrift zum Pascha des Monats gekürt“ (S. 105) worden war. Und immer wieder die Frage danach, wie man mit eben diesen Lebensereignissen umgehen soll: „Verschweigen, hinterfragen?“. Und ein Umgang damit muss gefunden werden, denn, so Banciu: „Wir bleiben gefangen in der Falle unserer Vergangenheit, sagst Du, lieber Günter. Und ich kann Dir nur bedingt widersprechen“. (S. 170) 

Eine große Faszination des Buches liegt in den Assoziationsketten, die durch Bancius vielfältige Beschäftigung mit Günter Grass und seinem Umfeld angestoßen werden. Gräber und Kirchenbücher öffnen ihr die Tore zu „versunkenen Welten. Die plötzlich wieder auftauchen, weil ich sie suche“. (S. 131) Man folgt ihr gern in die verschüttet geglaubte Kindheit und Jugend, die hier erneut und doch anders als in vorherigen Büchern erzählt werden. Man liest vom Vater, der an den Kommunismus glaubte und diesem Glauben alles andere unterwarf, von der Großmutter, die, um zu rebellieren, Torten in Kaffeehäusern aß, und man liest von den 1980er-Jahren in Rumänien, als es ein Akt des Widerstands war, eine Wohnung beziehen zu wollen. Jahreszahlen stoßen Erinnerungen an, zum Beispiel an die versuchte Anwerbung durch den rumänischen Geheimdienst, die Securitate. Die Einladung nach Wewelsfleth, so schreibt Banciu, „hat mir Türen geöffnet. Auch in mir“. (S. 105) Und die Leserin und der Leser gehen gern mit ihr durch diese Türen hindurch. 

Ilsebill salzt nach ist nichts Geringeres als ein Buch über das Leben, das hier einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen wird. Es ist aber auch ein Pandemiebuch, das von Einsamkeit und sozialer Entfremdung erzählt. Im letzten Brief bricht der Krieg auch über die Schreiberin herein: „Der Winter kommt. Der Kriegswinter“. (S. 312) Was bleibt, ist die Hoffnung auf einen nächsten Frühling, und es sind die Erinnerungen an Begegnungen mit den vielen, vielen Menschen, die Carmen-Francesca Banciu in ihrer Danksagung erwähnt. 

Von Michaela Nowotnick

  1. Carmen-Francesca Banciu: Transsilvanien goes global. Zu Gast in Katzendorf, <https://www.deutschlandfunkkultur.de/transsilvanien-goes-global-1-6-zu-gast-in-katzendorf-100.html>, 25.10.2023.  ↩︎

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