Petre Solomon: Paul Celan – Die rumänische Dimension. Erinnerungen – Einflüsse – Prägungen. Übersetzt und herausgegeben von Maria Herlo. Berlin: Noack & Block 2023. 314 S.

Das Desinteresse, mit dem das erstmalig im Jahr 1987 im Bukarester Verlag Kriterion erschienene Buch um den Aufenthalt Paul Celans im Bukarest der Nachkriegszeit, von 1945 bis 1947, hier bislang quittiert wurde, ist haarsträubend. Es verharmlost einen maßgeblichen Lebensabschnitt des Autors, dessen Werk zu den literaturwissenschaftlich am häufigsten untersuchten der Nachkriegszeit gehört. Denn so wie Celans bukowinische Dimension (Czernowitz) die rumänische bestimmt, so bestimmt die rumänische die österreichische (Wien) und die französische (Paris) mit. Eine Annäherung gerade an das Celan’sche Spätwerk wird alle vier in deren Verhältnis zueinander berücksichtigen müssen. 

Die Literaturwissenschaft und die Literaturkritik mussten sich die Informationen über Celans Bukarester Zeit bisher mühsam zusammenklauben. Zwei der insgesamt sieben Essays, die den Hauptteil von Die rumänische Dimension ausmachen, liegen neben dem Briefwechsel von Solomon und Celan seit dem Anfang der Achtzigerjahre auf Deutsch vor – für deren Übersetzung und Veröffentlichung in der bald nach der Rumänischen Revolution eingestellten Bukarester Zeitschrift Neue Literatur zeichnet niemand Geringeres verantwortlich als die legendäre Anemone Latzina, für deren lyrisches Schaffen Celan eine Referenzgröße gewesen ist. Bei ihr heißen die Essays Paul Celans Bukarester Aufenthalt und Zwanzig Jahre danach, bei Maria Herlo Bukarest zur Stunde Paul Celans und Nach zwanzig Jahren und mehr

Der Anhang der rumänischen Originalausgabe von 1987 umfasst knapp 100 Seiten. Dort abgedruckt sind 16 rumänische Texte Celans (acht Gedichte und acht Prosagedichte), dessen rumänische Übersetzung von vier Kafka-Texten und die Briefkorrespondenzen des Autors mit Solomon und Alfred Margul-Sperber. Die deutsche Ausgabe verzichtet auf diesen Anhang und ersetzt ihn mit einem neuen, der aus weiteren Texten Solomons besteht – es sind ein Brief an Ury Benador, ein Testament, ein Gedicht über Celan und Vorträge. Die Gründe des Verzichts finden sich im ersten Essay mit dem Titel Argument. Solomon hat sich 1987 über den Willen der Witwe Celans, Gisèle Lestrange, hinweggesetzt: „Sie hat die Veröffentlichung einiger Texte und biografische Daten vor der ‚französischen Zeit‘ des Dichters nicht genehmigt“ (S. 23f.), heißt es in dem Essay. Und weiter: „Was die unveröffentlichten Texte betrifft, die Paul Celan in Bukarest hinterlassen hat, hätte sie es gerne gehabt, dass sie für immer unveröffentlicht bleiben und sie nicht in die Gesamtausgabe seines Werks aufgenommen werden, weil der Dichter selbst sie als unwürdig befand“. (S. 24) Um seinen justiziablen Schritt zu rechtfertigen, greift Solomon, wenig überraschend, zum Kafka-Brod-Vergleich, wonach man wenig von Kafka wüsste, „wenn sein Freund Max Brod seinem testamentarischen Wunsch, die ihm überlassenen Manuskripte zu zerstören, nachgekommen wäre“. (S. 25) Der Schluss kann demnach nur sein, dass Bertrand Badiou, neben Celans Sohn Eric der Betreuer von dessen Nachlass, den Wiederabdruck des originalen Anhangs, Gisèle Lestranges Willen entsprechend, untersagt hat. 

Bei dem Essay Argument handelt es sich nicht zuletzt um den damals aktuellen Stand der Celan-Forschung. Solomon setzt mit seinem Besuch einer Pariser Celan-Gedenkveranstaltung Ende 1979 ein, auf der er Zeuge einer „schrecklichen und inhumanen“ (S. 18 und 23) Rede über Celan geworden sei, um gegen „Strukturalisten und Poststrukturalisten aller Nuancen“ (S. 17) auszuholen – es ist der verunglückte, weil vereinfachte wie vereinfachende Versuch, die eigene zum Biografismus tendierende Methode der Celan-Auslegung zu validieren. 

Interessanter werden die Memoiren ab dem zweiten Essay Bukarest zur Stunde Paul Celans. Solomon rekonstruiert die Atmosphäre im Bukarest der Nachkriegszeit, als Rumänien von der faschistischen Besatzung befreit war und die Kultur sich vorläufig relativ frei entfalten konnte (eine Entwicklung, die mit der Absetzung des Königs 1947 und der anschließenden Ausrufung der Volksrepublik zunichte gemacht wurde). Er beschreibt zum Beispiel die Stadtbezirke mit deren Architektur. 

Celan kam im Herbst 1945 aus Czernowitz in Bukarest an. Die Zeit zwischen 1942 und 1944 hatte er in dem Arbeitslager Tăbărăști bei Buzău verbracht, wo er am Bau der Zugangsstraße zu einem Grundbesitz beteiligt war. Die Lebensbedingungen waren erträglich – er und seine Lagermitinsassen hatten Glück mit dem Großgrundbesitzer, unter dessen Obhut sie standen. Celan durfte regelmäßig Czernowitz besuchen, hielt brieflichen Kontakt mit seiner Freundin Ruth Kraft, schrieb heimlich Gedichte. Seinem Freund Petre beschrieb er die Tätigkeit im Arbeitslager als „Schaufeln“. (S. 44) Dort erfährt er vom tragischen Schicksal seiner Eltern in Michailowka, dem NS-Arbeitslager am Ufer des Bug. Dass er nicht dorthin mitverschleppt worden war, hatte er dem Industriellen Valentin Alexandrescu zu verdanken, der vielen Czernowitzer Jüdinnen und Juden ein Versteck in seiner Fabrik anbot, so auch den Eltern Celans. Doch die Mutter hatte, anders als der Sohn, das Angebot abgelehnt. 

Solomon und Celan lernen sich im Bukarester Verlag Cartea Românească [Das rumänische Buch] kennen. Der politisch links orientierte, von Solomon auch „leidender Marxist“ (S. 112) genannte Celan war als Lektor und Übersetzer aus dem Russischen schon seit 1945 dort angestellt, Solomon erst ab 1946 – dieser war im August 1946 aus Palästina zurückgekehrt, wohin er sich „autoexiliert“ hatte. Der Verlag ist zu diesem Zeitpunkt auf russische und sowjetische Literatur spezialisiert, veröffentlicht aber auch „Propaganda-Broschüren“ mit einem „bestimmten politischen Zweck“. (S. 57) Armand Popper hatte die Chefredaktion und Alexandru Philippiade den Vorsitz des Redaktionsrates. Celan wird beide in guter Erinnerung behalten. Als Verlagsangestellter durfte der anspruchslose Celan in einer Journalistenkantine essen und konnte die Dürre von 1946, die eine Hungersnot ausgelöst hatte, relativ gut überstehen. Eine seiner Passionen war das Besuchen von Antiquariaten, „um seltene Bücher aufzustöbern“ (S. 68), so auch der Buchhandlung „Studio 42“ in der Calea Victoriei. 

Von hohem literaturgeschichtlichem Wert ist in diesem Essay der Hinweis darauf, was Celan zu seiner rumänischen Kafka-Übersetzung bewogen hatte, nämlich die Antwort des sowjetischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg auf die Frage „Sollte Kafka verbrannt werden?“ einer französischen Wochenzeitschrift. Kafka, so Ehrenburg, „ist viel zu egozentrisch, seine Welt kommuniziert wenig mit der Welt der Leser der breiten Masse“. (S. 74) Die Kafka-Übersetzung ist also Celans Art gewesen, Ehrenburg zu widersprechen. 

Der Essay Die Freunde und Freundinnen des Dichters widmet sich zunächst der Freundschaft Celans mit Nina Cassian – sie bekommt in Die rumänische Dimension das Schlusswort. In deren Appartement zeigt er seine Geselligkeit und singt mit seiner „dunklen, zittrigen Stimme“ „revolutionäre Lieder des spanischen Bürgerkriegs“ und solche wie das Fahrtenlied „Flandern in Not“. (S. 83) Dort kommt er unter anderem mit Ovid S. Crohmălniceanu zusammen, dem Herausgeber der Zeitschrift Contemporanul [Der Zeitgenosse], in deren Ausgabe vom 2. Mai 1947 das Gedicht Todestango in der rumänischen Übersetzung Solomons erscheint – so hieß zunächst das Gedicht, das später unter dem Titel Todesfuge Eingang in die Literaturgeschichte fand. Das Gedicht Todestango in seiner rumänischen Version ist das erste unter dem Pseudonym „Paul Celan“. 

Ein großer Teil dieses Essays gilt Celans Liebesbeziehungen. Solomon behauptet, Celan habe „in Bukarest frenetisch seine Jugend nach[geholt]“: „Mehr oder weniger vom Surrealismus beeinflusst, der die ‚ideale Frau‘ in ihren unterschiedlichsten irdischen Verkörperungen besang, wechselte er häufig die Frauen, doch nahm er sich genügend Zeit, sich in jede einzelne zu verlieben“. (S. 102) Solomon nennt die drei, die er kannte: „Viorica, Lia, Ciuci“ – Viorica Schlesinger, Lia Fingerhut, Corina Marcovici. Mit Lia zum Beispiel, von Celan „Lala“ genannt, reisten die Freunde am 12. April 1947 von Sinaia aus in die Karpaten. 

Ein anderer Teil des Essays konzentriert sich auf Celans Freundschaft mit dem älteren Alfred Margul-Sperber. Margul-Sperber wurde Celans erster großer Förderer. In den Gesprächen mit ihm und dessen Frau Jetty entwickelte sich dann auch der berühmt gewordene Künstlername „Paul Celan“. Der noch Antschel/Ancel Heißende war der Meinung, dass diesem in der Bukowina gewöhnlichen Namen „jede Magie fehle“, worauf Jetty irgendwann vorschlug, „aus dem Anagramm des Familiennamens Ancel ‚Celan‘ zu bilden“ (S. 118) – Solomon erwähnt nicht oder weiß nicht, dass „celan“ ein rumänisches Wort für „hinterlistig“ ist. Es war Margul-Sperber, der Celan zu der zweiten lyrischen Veröffentlichung in Rumänien, diesmal in der Originalsprache Deutsch, verhalf – in der multilingualen Bukarester Zeitschrift Agora, die schon nach der ersten Nummer eingestellt werden musste, erschienen 1947 die drei Gedichte Das Gastmahl, Das Geheimnis der Farne und Ein wasserfarbenes Wild

In dem Essay Die schöne Jahreszeit der Calembours ruft Solomon die im Bukarest der Nachkriegszeit weit verbreitete „Praxis der Wortspiele“ (S. 126), insbesondere der Kalauer, in Erinnerung, in die Celan gern einstimmte. In diesem Kontext bilden die Freunde Petre und Paul eine Art „musikalisches Duo“, das Celan „Solo für Petronom mit Akkompagnement von Paoloncello“ (S. 78 und 137) nennt. Eines der rumänischen Wortspiele Celans kündigt die erwähnte Karpatenreise an und lautet in der deutschen Übersetzung: „In diesem Frühjahr unternehmen wir einige Ausflüge, die in die Geschichte der Berge eingehen werden“. (S. 135) Solomon hebt auch Celans Vorliebe hervor, „mit Eigennamen zu spielen“, aus „Margareta“ etwa machte er „Gargareta“ (S. 137) – „gargară“ heißt auf Rumänisch „gurgeln“. „Neben ihrer ludischen [lat. ludus = Spiel] Funktion“, schließt Solomon aus dieser Episode, „zeugen die Wortspiele von Celans intimem Zugang zu den Mechanismen einer Sprache, deren ernste Seiten er ebenfalls aufspürte.“ (S. 138) 

Diese Episode, die Celan in einem Brief als „Wortspiel-Jahreszeit“ (S. 196) bezeichnet, dient Solomon als Vorspiel der Auslotung von Celans Verhältnis zu den Bukarester Surrealisten Gherasim Luca, Gellu Naum, Virgil Teodorescu, Paul Păun und Dolfi Trost. Es sei, so Solomon, „die ludische Seite des Surrealismus“ (S. 149) gewesen, die Celan am meisten anzog. Einen Beleg dafür sieht Solomon auch darin, dass Celan gern „Joachim“ spielte – eine Variante des surrealistischen „cadavre exquis“. In dem Essay Adoleszenz eines Adieus analysiert er einige der rumänischen Texte Celans und stellt wiederum fest, „dass Celan es sehr wohl verstand, den Einfluss des Surrealismus in Grenzen zu halten“. (S. 175) 

Die Essays Brücken zur Vergangenheit und Nach zwanzig Jahren und mehr umfassen die Zeit nach Celans Abschied von Bukarest Ende 1947. Solomon thematisiert hier unter anderem Celans psychische Erkrankung und deren Gründe und auch sein Wiedersehen mit ihm 1966 und 1967 in dessen Pariser Isolation. Die Geschichte ist wohlbekannt. 

Von Alexandru Bulucz

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