Herta Müller: Eine Fliege kommt durch einen halben Wald. München: Hanser Verlag 2023. 128 S.

Eine Konstante ist jedoch schnell ausgemacht, nämlich der durchgängige autobiografische Bezug, der in Schau, wie sie lachen. Nein, sie weinen (S. 42‒49) auch den anekdotischen Rahmen für Reflexionen über den kulturell sehr unterschiedlichen Wert des Humors und des Lachens liefert, der ihm in den biografischen Stationen dieses Schriftstellerinnenlebens beigemessen wurde: „Wie ist das mit dem Humor? Seit ich nach Deutschland gekommen bin, ist er da, wo ich ihn ausmache, nicht erlaubt. Und umgekehrt da, wo er sich für die Deutschen aufhält, für mich nicht vorhanden“ (S. 43); in jedem Fall wurde der Humor, das spontane und unkontrollierbare Lachen, zu einem grundlegenden Modus, um die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen: „Er ist die natürliche, direkteste Art, zu durchschauen und zu begreifen“. (S. 46) Herta Müller ist auf den „Geschmack des Lachens“ aber erst gekommen, nachdem sie in Temeswar „den Stadtasphalt betreten hatte“ (S. 47), denn: „Im Milieu meiner Herkunft, im banatschwäbischen Dorf, war der Humor verpönt“. (S. 47) 

Dann gibt es einige thematische Variablen, die je nach Text mehr oder weniger stark ausgeprägt sind: Politik, Geschichte, Literatur. Am stärksten variiert jedoch zweifellos der poetische Ton, der manchmal stark zurücktritt, aber gelegentlich den ganzen Text trägt, so den titelgebenden letzten Monolog: Eine Fliege kommt durch einen halben Wald. (S. 105‒123) Das ist ein eindringlicher, vielleicht autofiktionaler, collagehaft angelegter Rückblick auf ein Leben unter dem Trauma eines früh in der Gefangenschaft verschollenen Partners. Das kleine Meisterwerk beginnt: „ER LEBT NICHT mehr. Oder er lebt. Man kann auch leben, ohne sich zu melden.“ (S. 105) und endet: „Ich glaub, ich habe ihm, um sich zu melden, die Jahre zwischen uns gegeben. Aber nie einen Ort“. (S. 123) Dazwischen werden Erinnerungen aus dem Alltag dieser „gegebenen Jahre“ gereiht  ̶  aus der Arbeitswelt und immer wieder aus Reisen mit dem Zug. Letzteres ist ja mitsamt den Bahnhöfen, den Mitreisenden und so weiter ein immer wiederkehrender Motivbereich in Herta Müllers Arbeiten. 

Genauer gesagt sind die Quellpunkte aller Texte punktuelle Beobachtungen von Sachlichem oder Sprachlichem, wie es die Autorin in Das chinesische Glasauge (S. 50‒61) selbst poetologisch auf den Punkt bringt: „Dies sind Versuche, vor den Dingen zu bestehen“. (S. 51) In diesem Sinn ist das Selbstverständnis von Herta Müller zutiefst realistisch. Ein Beispiel: „Ich stand vor einem Laden in diesem armen Land. Im Schaufenster der Apotheke stand auf einer bunten Papierserviette eine Vase mit staubigen Plastikrosen. Davor lagen Glasaugen in einer Reihe: dunkel- und hellbraune, blaue und grünblaue, gesprenkelte. Man bekam in der Apotheke längst kein Verbandszeug mehr, kein Aspirin oder keine Nasentropfen. Auch die Regale waren mit Servietten ausgelegt. Von jeder hing eine gleich lange Ecke herunter. Nebeneinanderhängend, sahen die Ecken aus wie eine Reihe Häusergiebel, die kopfstehen. Aber es gab in dieser Apotheke ohne Medikamente eine Vitrine voller Glasaugen aus China“. (S. 59f.) 

Aber realistisch ist nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Sicht auf die Politik: „Das Deutlichste, was ich gelernt habe, kann ich ganz einfach sagen: Freiheit und Würde sind immer konkret“ (S. 15), und an konkreten Persönlichkeiten sowie an Gruppen aus der deutschen Nachkriegsgeschichte wird exemplifiziert, wie im Gegensatz zur Forderung des ersten Artikels unseres Grundgesetzes „die Würde des Menschen […] antastbar [blieb]“. (S. 10) Unter anderem vermisst Herta Müller die Wertschätzung des Exils und des Beitrags, der von Exilanten für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet wurde. (S. 11) Speziell diesem Thema ist der unbedingt lesenswerte Beitrag über Herzwort und Kopfwort. Deutschland und seine Exilanten (S. 62‒86) gewidmet. Ausgehend von der eigenen Erfahrung mit den teils grotesken Erlebnissen bei der Einreise und Einbürgerung in die Bundesrepublik (S. 63‒69) und der üblen Rolle, die Vertreter der banatschwäbischen Landsmannschaft dabei gespielt haben, wird ein weiter Bogen geschlagen über geflohene Schauspieler, Regisseure, Filmmusiker (und ihre Zusammenarbeit bei der Entstehung des Films Casablanca), Politiker, Journalisten, Schriftsteller, Maler und so weiter bis zur (bekannten) schrecklichen Episode der Paul Celan-Lesung vor der Gruppe 47 (1952). Dem bitteren Fazit kann man nur zustimmen: „Wer im Exil war, gilt in Deutschland bis heute nicht als Opfer. Auch nicht im Gedenkstättenkonzept des Bundes. […] Das Wort Vertreibung gehört nur den Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten. Sie heißen ,Heimatvertriebene‘. Und die von Hitler Vertriebenen heißen ,Emigranten‘. Es ist ein sehr unterschiedliches Wortpaar: Das Wort ,Heimatvertriebener‘ hat einen warmen Hauch, das Wort ,Emigrant‘ hat nur sich selbst. Man könnte sagen, einem Herzwort steht ein Kopfwort gegenüber. Man muss sich doch fragen, wurden die ,Emigranten‘ nicht aus der Heimat vertrieben?“. (S. 83) 

Der besondere Reiz der Lektüre lag ‒ abschließend gesagt ‒ darin, die Autorin in jedem Text an ihrem unverkennbaren literarischen Stil wiederzuerkennen und gleichzeitig in expliziter Formulierung ethische und poetische Prinzipien zu lesen, die zwar das gesamte Œuvre leiten, aber meistens nur implizit durchscheinen. 

Von Thomas Krefeld

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