„Ich würde mir wieder Drähte an der bayerisch-tschechischen Grenze wünschen“, sagte Josef Bernard, Landeshauptmann der Pilsener Region, bei der Gedenkfeier zum 30. Jahrestag der Durchschneidung des Eisernen Vorhangs im Dezember 2019.[1] Doch mit seinen scheinbar schockierenden Worten, die da am Denkmal in Neuhäusl/Nové Domky bei Roßhaupt/Rozvadov fielen, mahnte Bernard lediglich die Drahtverbindungen für die seit vielen Jahren nur mit Worthülsen beschworene Bahntrasse München-Prag an.

Für den Autoverkehr gab es bis 1989 nur wenige, streng kontrollierte Möglichkeiten, die Grenze zwischen Bayern und der Tschechoslowakei zu passieren. Übergänge existierten in Schirnding – Pomezí, Furth im Wald – Folmava, Waidhaus – Rozvadov, Philippsreuth – Strážný und in Bayerisch-Eisenstein – Železná Ruda. Zu den oft mehrstündigen Wartezeiten bei den Kontrollen an der tschechoslowakischen Grenze bemerkte die Bayerische Grenzpolizei etwa 1975:

„Auf beiden Seiten der Staatsgrenze sind die Reisenden in jeder Richtung einer Totalkontrolle unterworfen. Oft wurden Reisende aus nicht erkennbaren Gründen zurückgewiesen. Manchmal entstand der Eindruck, dass die Dienstfreude der csl. [tschechoslowakischen] Kontrollorgane teils von ihrer Laune, teils vom Fernsehprogramm (Sportübertragungen!) abhinge.“

Erinnerungsorte des Eisernen Vorhangs an der bayerisch-böhmischen Grenze

Der geteilte Bahnhof in Eisenstein/Železná Ruda

Wie geht man heute mit dem Erbe des Eisernen Vorhangs entlang der bayerisch-tschechischen Grenze um? In Bayerisch bzw. Böhmisch Eisenstein/Železná Ruda war dieser durch den geteilten Bahnhof besonders präsent. „Für mich als Kind war die Welt hier zu Ende“, erzählt mir Thomas Müller, Bürgermeister von Eisenstein (2002 bis 2014), am Telefon. Seine Großeltern stammen aus dem heute nicht mehr existierenden Neu-Hurkenthal/Nová Hůrka und Böhmisch-Eisenstein. Bis zur Wende hätten sie es abgelehnt, als Touristen in die Tschechoslowakei zu fahren:

„Den Kommunisten tragen wir kein Geld rüber“, zitiert sie Müller.

Mirek Bárta, der Förster aus Böhmisch Eisenstein, habe aber auch in der Zeit strengster Abriegelung seine Familie manchmal besucht. Er kannte entsprechende Schleichwege. Reichlich mit Kosmetika von Schlecker versorgt, machte sich Bárta anschließend auf den Heimweg. „Immer am Karfreitag haben wir Ministranten die tschechoslowakische Grenzpolizei mit unseren Ratschen bei Dunkelheit ‚beschallt’“, erinnert sich Müller belustigt. Sofort hätten Lichtkegel von drüben hektisch begonnen, die Lärmquelle ausfindig zu machen.

Mit dem Gedenken an die Zeit des Eisernen Vorhangs in der Grenzstadt ist Müller im Großen und Ganzen zufrieden. Lehrpfade rund um Eisenstein widmen sich auch der Geschichte der einst rigorosen Abtrennung. Warum wurde der geteilte Grenzbahnhof nicht Ort einer gemeinsamen, deutsch-tschechischen Ausstellung über die Entstehung und den Charakter des Eisernen Vorhangs? „Gekauft hat das Gebäude der Naturpark Bayerischer Wald“, erklärt Müller. Zu besichtigen ist ein Ski-Museum, es gibt Informationen zur Flora und Fauna dies- und jenseits der Grenze, und auch ein zunächst etwas skurril anmutendes Fledermauszentrum hielt Einzug. Ort einer Ausstellung über die Grenzsicherungsanlagen vom Osser bis zum Dreisessel ist der ehemalige Wartesaal der 3. Klasse: Ein Schelm, der Böses über die wohl unfreiwillige Symbolik denkt.

Das Bahnhofsgebäude in Bayerisch Eisenstein (© Sudetendeutsches Archiv, München)

Wegen der jahrzehntelangen Abriegelung sowie historisch begründeter Wunden löste der offene Zugang von Rathauschef Müller auf die tschechischen Nachbarn seinerzeit nicht nur Jubel aus: „Der Thomas wär ein guter Bürgermeister, wenn er nur nicht so viel mit den Tschechen machen würde“, zitiert Müller entsprechende Stimmen. Auch durch häufig wechselnde Bürgermeister auf der tschechischen Seite sei eine andauernde, grenzüberschreitende Kooperation immer wieder ausgebremst worden.

Ein Relikt des Eisernen Vorhangs: Die nach wie vor fehlende, durchgehende Bahnverbindung von bayerischer Seite über Eisenstein und Klattau/Klatovy bis nach Pilsen. Dem weiteren Zusammenwachsen grenzüberschreitender Infrastruktur stehen Zweifel an der Wirtschaftlichkeit einer solchen Verbindung gegenüber.

Ivan Kalina hat die Euphorie der Wendezeit in Eisenstein/Železná Ruda besonders intensiv miterlebt. Um die einst große Durchlässigkeit der Grenze zu unterstützen, engagierte er sich für die Verbesserung grenzüberschreitender Bus- und Bahnverbindungen. Auf beiden Seiten achteten die Gemeindeverwaltungen bei ihren Planungen leider nach wie vor zu wenig auf mögliche Chancen für die gesamte Region, so Kalina.

Als größte Enttäuschung nach der Samtenen Revolution empfand er die Passivität der staatlichen tschechischen Organe im Hinblick auf die Grenzgebiete. Diese hätte man, immer noch gekennzeichnet durch Vertreibung und Erbe des Kommunismus, ihrem Schicksal überlassen. Auch Aufklärungsarbeit über die Verbrechen des Grenzregimes sei bitter nötig: Exkursionen tschechischer Schulen aus dem Binnenland, am besten unter Einbeziehung deutscher Schulklassen, könnten dazu beitragen. Kalina meint: „Kinder sind immer noch die besten Multiplikatoren für ihre Familien.“

Ein gut gemeintes Museum im Zollgebäude   

Einen angemessenen Erinnerungsort zum Thema Eiserner Vorhang sucht man vom Dreisessel bis hinauf nach Waidhaus vergeblich. Man stößt etwa auf ein von der Stiftung Eiserner Vorhang  (Nadace Železné opony) betriebenes Museum direkt im Zollgebäude in Rozvadov/Roßhaupt. Es präsentiert eine durchaus beeindruckende Sammlung von

  • Fotografien,
  • Objekten (darunter Gustav Husáks einstiges Telefon des heißen Drahts nach Moskau),
  • Archivmaterialien,
  • Fahrzeugen,
  • Kurzfilmen etc.

Allerdings geschieht dies in einer derart großen thematischen und räumlichen Dichte, welche die Aufnahmekapazität der Besucher nach kurzer Zeit überfordern dürfte. Oder ist die gedrängte Anordnung eine bewusste Anspielung auf die Einengungen durch die kommunistische Diktatur?

Stark eingeschränkte Öffnungszeiten dürften für Bekanntheit und Akzeptanz ebenso ein Problem sein wie der sicherlich authentische Standort: Der einstige Grenzübergang liegt durch den Bau der Autobahn D5 nach Pilsen mit eigenem Grenzübergang außerhalb der „Laufkundschaft“. Eines der inflationär an Autobahnen zunehmenden braun-weißen in unverwechselbarem Amtsdeutsch als „touristische Unterrichtungstafeln“ bezeichneten Hinweisschilder sucht man auf beiden Seiten der Grenze vergeblich.

Blick in die Ausstellung des Museum in Roßhaupt/Rozvadov (© Ústav pro soudobé dějiny AV ČR)

Man nimmt Václav Vítovec, dem Vorsitzenden der erwähnten Stiftung Železné opony, ab, dass es ihm ein Bedürfnis ist, mit dem Museum die Zeit der Abschottung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Stiftung hatte ursprünglich geplant, auf dem Gelände der ehemaligen Grenzwache in Außergefild/Kvilda im Böhmerwald eine Dauerausstellung in viel größerem Umfang zu realisieren. Der 2002 mit viel Pomp erfolgten Grundsteinlegung mit einem Stück der Berliner Mauer folgte jedoch die Ernüchterung. Das Umweltministerium lehnte die Umwidmung des Areals ab. Seine Begründung: mangelndes öffentliches Interesse.

Für Ivan Kalina stand die Entstehung des Museums ohnehin unter keinem guten Stern: Einige Beteiligte im Umfeld hätten früher selbst aktiv die Absperrungsmaßnahmen mitgetragen. Im nahen, praktisch von der Landkarte verschwundenen Buchwald/Bučina steht zumindest eine 2008 aufgebaute Replik einer Signalwand. Authentizität geht sicher anders, lässt sich durch die rasche Beseitigung der Sperranlagen nach 1990 aber auch nicht mehr so einfach herstellen.

Die fingierte Staatsgrenze

Wer stereotyp beklagt, junge Menschen interessierten sich zu wenig für Geschichte, sei auf ein bemerkenswertes Projekt des Jugendtheaters Ovigo verwiesen: Einen „wichtigen Beitrag zur Erinnerungs- und Versöhnungskultur“ möchte das Stück Die fingierte Grenze im Sommer 2022 an den Grenzübergängen Bärnau, Selb, Waldsassen und Stadlern leisten. Zwischen 1948 und 1951 errichtete die tschechoslowakische Grenzpolizei an einigen Stellen des Grenzlandes eine fingierte Staatsgrenze, einschließlich gefakter deutscher Zollämter und Gebäude der amerikanischen Spionageabwehr. Darin erwarteten Angehörige der tschechoslowakischen Staatssicherheit die Flüchtlinge. Teile davon stehen noch heute.

Ziel dieses perfiden Betrugs war es, den Flüchtenden vorzugaukeln, sie befänden sich bereits in Westdeutschland bzw. der amerikanischen Besatzungszone. So war es ein Leichtes, bei Befragungen Näheres über ihre Gesinnung zu erfahren oder ggf. bestehende Hintermänner zu entlarven. Václava Jandečková beschreibt diese skrupellose Operation detailliert in ihrem 2021 erschienenen Buch Fingierte Grenze – Aktion Kámen.

Ort der falschen Grenze in Schneiderhof/Mysliv (© Václava Jandečková)

Erinnerung an die Opfer – Verfolgung der Täter

Seit 2008 besteht der Verein Paměť (Gedächtnis), der sich schwerpunktmäßig an der südmährisch-österreichischen Grenze mit Tätern und Opfern des Eisernen Vorhangs beschäftigt. Er würde sich über eine ähnliche Institution auf bayerischer Seite freuen, könnte doch so „eine Erinnerungsstruktur entlang dieser Grenze gebildet werden, bei der kein Opfer vergessen bliebe“, sagt der Journalist und Mitbegründer Luděk Navara. Dies sei man allein den betroffenen Familien schuldig.

Navara kritisiert, dass ein gewisser Teil der tschechischen Gesellschaft bereits in den 1990ern die Meinung vertrat, man hätte es sich im Kommunismus – abgesehen von Versorgungsengpässen – doch ganz bequem einrichten können. Durch die jahrzehntelang schwer zugängliche Sperrzone sei das brutale Grenzregime im kollektiven historischen Gedächtnis der Tschechen nicht sehr tief verankert. Freiheit als höchstes Gut nur bis zu ihrer Durchsetzung.

Gleichzeitig lobt Navara die etwa von der Staatsanwaltschaft Weiden betriebene Strafverfolgung von Personen, die sich für Sperrriegel und Tötungen verantwortlich zeigten. In Tschechien war dies völlig im Sande verlaufen.  Die Weidener Ermittlungen richteten sich sowohl gegen einfache Grenzpolizisten als auch gegen Spitzenfunktionäre wie den ehemaligen Ministerpräsidenten Lubomír Štrougal. Bezugspunkt war dabei das Schicksal getöteter ostdeutscher Flüchtlinge. Für Navara ein wichtiges Signal: Feiern doch so manche ehemalige Grenzschützer ihre Taten bei nostalgischen Treffen bis heute, überzeugt davon, einer richtigen Sache gedient zu haben.

Unterstützt wurde Navara bei der deutschen Herausgabe seiner Publikationen über Opfer und Täter des Eisernen Vorhangs von Franz Amberger, ehemals Redaktionsleiter bei der Kötztinger Zeitung. Dieser sieht im Hinblick auf eine Auseinandersetzung mit der Grenze des Kalten Kriegs, insbesondere auf bayerischer Seite noch Luft nach oben. Furth im Wald sieht er als möglichen Standort für ein solches Projekt. 

„Grüne“ Erinnerungsarbeit im Schatten eines möglichen neuen Kalten Krieges

Zieht man eine Bilanz, wird deutlich, dass die Aufarbeitung des Eisernen Vorhangs in erheblichem, viel zu großem Maße von den Aktivitäten einzelner Akteure abhängt und arg zerstreut daherkommt. Im Schulunterricht beider Länder können viele Lehrkräfte aufgrund des gedrängten Stoffs zeitgeschichtliche Themen wie dieses kaum mehr als streifen. Eine zentrale, deutsch-tschechische Gedenkstätte mit Fokus auf die Absurdität dieser menschenverachtenden Todesgrenze täte einer solchen Aufarbeitung in jeder Hinsicht gut.

Attraktive Verbindungen zwischen der Idee der Naturbelassenheit, wie sie etwa das Grüne Band durch Europa verfolgt, und historischer Erinnerungsarbeit an der bayerisch-tschechischen Grenze lassen sich problemlos herstellen.

Wie nötig eine Thematisierung dieser Nachkriegsjahrzehnte ist, demonstriert (leider) das aktuelle politische Geschehen. Noch bis vor Kurzem hätte niemand ernsthaft vermutet, dass die Zeit des Kalten Kriegs ein – mutatis mutandis – trauriges Revival erleben könnte. Ein drohender neuer Eiserner Vorhang weiter im Osten Europas kommt nach Russlands Angriff auf die Ukraine schon jetzt in alten und neuen Gewändern daher:  Massive Aufrüstung oder Demonstrationsverbote und Festnahmen von Kritikern flankiert Vladimír Putins Machtapparat nun durch Cyber-Attacken, die Sperrung sozialer Medien oder die durch Fake News-Medien gesteuerte Leugnung klarer Fakten. Eine beunruhigende Entwicklung. 

Kehren wir zum Schluss noch einmal nach Bayerisch Eisenstein zurück: ein Fünftel der Einwohner, deren Zahl nach 1989 bis heute um mehr als 20 Prozent auf gut eintausend sank, ist inzwischen tschechischer Nationalität. „Sehe ich in Eisenstein eine Frau mit Kinderwagen, ist es mit ziemlicher Sicherheit eine Tschechin“, meint Thomas Müller. Ein Grund: Das Leben auf bayerischer Seite ist erschwinglicher, Mieten und Immobilienpreise liegen um einiges unter den tschechischen.

Hätte das 1990 in der Hochzeit des Tank- und Wirtshaustourismus ernsthaft jemand prophezeit?

 Literatur:


[1] https://www.plzensky-kraj.cz/po-triceti-letech-znovu-prestrihli-draty–1

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